Wenn Alter aggressiv macht

26. Februar 2014, 17:59
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Ältere Menschen sind eine Risikogruppe häuslicher Gewalt. Umgekehrt erleben aber auch Pflegepersonen Übergriffe. Verantwortlich dafür: Angehörige und professionelle Pfleger sind oft überlastet

Innsbruck - Man müsse sich in diese Situation, die wohl vielen bevorsteht, einmal hineinversetzen, sagt Oswald Mair, Direktor des Verbands der Seniorenheime Südtirols: dass ein anderer, vielleicht sogar ein Fremder, die Intimpflege für einen selbst übernimmt; dass man einen Gabelbissen Karotten gefüttert bekommt und nicht artikulieren kann, dass man Karotten doch nicht mag; dass man schlucken muss, was einem vorgesetzt wird. "Da wird man eben aggressiv", sagt er. Eigentlich wegen der Umstände, doch an wem könne man die Wut auslassen, wenn nicht an den Pflegern oder den pflegenden Angehörigen?

Gewalt im Alter - mit diesem "Tabuthema" setzt sich das österreichisch-italienische EU-Projekt Interreg IV auseinander. Dabei sollen beide Seiten beleuchtet werden: Gewalt gegen ältere Menschen wie auch Gewalt von älteren Menschen gegenüber Pflegenden. Die ersten Arbeitsergebnisse zeigen nun, dass Senioren neben Frauen und Kindern eine dritte Risikogruppe für häusliche Gewalt darstellen. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation zeigte bereits zuvor, dass in Europa täglich mehr als 10.000 ältere Menschen misshandelt werden.

Genderaspekt

Im vergangenen Jahr wurden nun mehr als tausend Pflegekräfte, pflegende Angehörige und Mediziner in Tirol und Südtirol befragt. Die Ergebnisse: Rund die Hälfte der pflegenden Angehörigen übernehmen eine 24-Stunden-Betreuung. "Hier muss man auch den Genderaspekt hervorheben, denn es pflegen fast ausschließlich Frauen, und die fallen aus dem Berufsleben", sagt Südtirolkoordinatorin Marcella Pirrone.

Im Weiteren zeigt die Befragung, dass sich vor allem Angehörige, von denen rund 90 Prozent keine fachliche Ausbildung haben, aber auch viele professionelle Pfleger physisch und psychisch überlastet fühlen - was wiederum ein Risikofaktor für Gewalt ist: "Während körperliche Gewaltanwendung die Ausnahme sein dürfte, kommen hier verbale Aggressionen nicht selten vor", sagt Studienautor Hermann Atz.

Anstieg an Pflegebedürftigen

Das Thema sei vor allem deshalb so brisant, weil die Zahl der Pflegebedürftigen durch die demografische Entwicklung in den nächsten Jahren massiv ansteigen werde. "Im Jahr 2020 werden wir in Österreich 30.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigen", sagt Walter Draxl, Direktor des Ausbildungszentrums West für Gesundheitsberufe. Dabei dürfe auf die Qualität nicht vergessen werden.

Für Angehörige müssten hingegen vor allem wieder Freiräume geschaffen werden. Schließlich würden viele ihr gesamtes soziales Leben opfern, sagt Atz - für einen oftmals undankbaren Job. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 27.2.2014)

  • Prognosen zufolge braucht Österreich bis 2020 rund 30.000 zusätzliche Pfleger.
    foto: apa/barbara gindl

    Prognosen zufolge braucht Österreich bis 2020 rund 30.000 zusätzliche Pfleger.

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