Vermögensungleichheit: Deutschland Kaiser

26. Februar 2014, 16:23
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Nirgendwo in Eurozone sind die Vermögen laut Studie ungleicher verteilt als in Deutschland - Österreich folgt laut OeNB-Papier aus 2013 auf Rang zwei

Berlin - In keinem anderen Euro-Staat ist die Kluft zwischen Arm und Reich einer Studie zufolge so groß wie in Deutschland. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitze ein persönliches Vermögen im Wert von mindestens 800.000 Euro, hieß es in der am Mittwoch veröffentlichten Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Für 2012 ergibt sich ein Gini-Koeffizient von 0,78 für Deutschland. Je höher der Wert, desto stärker ausgeprägt ist die gemessene Ungleichheit bei Vermögen. "Innerhalb der Eurozone weist Deutschland damit vor Österreich die höchste Vermögensungleichheit auf", heißt es in der DIW-Studie. Der Gini-Koeffizient für Frankreich lag bei 0,68, für Italien bei 0,61 und für die Slowakei bei 0,45. Höher als in Deutschland ist die Vermögensungleichheit in den USA (Gini-Koeffizient 0,87 für das Jahr 2010).

Hausbesitz wichtiger Faktor

Die von den DIW-Forschern verwendeten Gini-Koeffizienten Zahlen beziehen sich auf ein wissenschaftliches Papier der Oesterreichischen Nationalbank, präsentiert im Generalrat der OeNB am 25. April 2013. "Die relativ geringe Vermögensungleichheit in südeuropäischen Ländern mag auch dadurch bedingt sein, dass dort das Eigentum an Immobilien weiter verbreitet ist als in Deutschland. Die veröffentlichten Zahlen der EZB zur Höhe des Vermögens im Euroraum wurden wiederholt kritisiert", schreiben die DIW-Ökonomen in einer Fußnote. "Der Gini-Koeffizient als ein Maß der Vermögensungleichheit ist hiervon nicht betroffen, da er unabhängig von der jeweiligen Vermögenshöhe ist."

Die Forscher haben sich vor allem eingehend mit der Vermögenssituation in Deutschland beschäftigt: Dagegen verfüge gut ein Fünftel aller Erwachsenen über gar kein Vermögen. Bei rund sieben Prozent seien die Schulden sogar größer als der Besitz. Wenig Vermögen haben neben Arbeitslosen vor allem Ostdeutsche und alleinerziehende Frauen. Gewerkschaften und Sozialverbände forderten die deutsche Regierung zum Gegensteuern auf.

Verteilung wenig verändert

"Insgesamt hat sich an der Vermögensverteilung im Land wenig geändert, die Ungleichheit verharrt auf hohem Niveau", sagte DIW-Experte Markus Grabka, der mit seinen Kollegen die Daten von 2012 mit denen von 2007 und 2002 verglichen hat. "Nirgendwo in der Eurozone sind die Vermögen ungleicher verteilt als in Deutschland." Der sogenannte Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit misst und international vergleichbar macht, liegt in Deutschland bei 0,78. Bei einem Wert von eins ist die Ungleichheit maximal, bei Null minimal ausgeprägt. Zum Vergleich: In Frankreich liegt er bei 0,68, in Italien bei 0,61.

Das Vermögen der Deutschen summiert sich netto auf rund 6,3 Billionen Euro. Den größten Teil macht mit 5,1 Billionen Euro der Grund- und Immobilienbesitz aus. Etwa 40 Prozent bewohnen eine eigene Immobilie, zehn Prozent besitzen andere Arten von Immobilien wie Grundstücke oder Ferienwohnungen. Knapp jeder zweite Erwachsene besitzt Geldvermögen, und zwar durchschnittlich 29.000 Euro. 51 Prozent haben private Versicherungen oder Bausparverträgen, mit einem Durchschnittswert von 18.000 Euro.

Ost-West-Gefälle

"Deutliche Vermögensverluste" haben Grabka zufolge Arbeitslose hinnehmen müssen. Sie verfügten 2002 noch über ein Vermögen von rund 30.000 Euro, zehn Jahre später seien es nur noch etwa 18.000 Euro gewesen. Große Unterschiede ermittelte das DIW auch zwischen Ost und West. Während Erwachsene in Westdeutschland im Schnitt 94.000 Euro Vermögen besitzen, sind es im Osten nur gut 41.000 Euro. Der Wert selbst genutzten Immobilienbesitzes liege im Westen bei etwa 151.000 Euro, im Osten bei 88.000 Euro. Da auch der Nachlass für die nachfolgende Generation niedriger ausfalle, dürften diese Unterschiede fortbestehen, schätzt das Institut.

Die Vermögen von Männern liegt dem DIW zufolge um rund 27.000 Euro höher als der Frauen. Alleinerziehende mit zwei Kinder verfügten im Schnitt über ein Nettovermögen von 21.000 Euro. Aber auch wenn die Eltern zusammenleben, sinke das Vermögen mit steigender Kinderzahl.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte, die Ungleichheit zu bekämpfen. "Die Regierung muss prekäre Beschäftigungsformen zurückdrängen", sagte Vorstandsmitglied Reiner Hoffmann. Die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns sei nur ein erster Schritt. "Auch die stärkere Regulierung von Leiharbeit und Werkverträgen gehört auf die Agenda", sagte Hoffmann. Auch der Wegfall heimlicher Steuererhöhungen, der sogenannten kalten Progression, könne die Kluft zwischen Reich und Arm schließen helfen. Der Paritätischen Wohlfahrtsverband forderte, große Erbschaften und Vermögen deutlich stärker zu besteuern, um so soziale Reformen finanzieren zu können. (APA, 26.2.2014)

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