Prozess in Wien: Staatsanwältin mit Mitleid für das kleine Rädchen

26. Februar 2014, 15:09
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Das Alter von Semsa H. kennt niemand - fix ist nur, dass sie strafmündig ist. Und deshalb wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und gewerbsmäßigem Taschendiebstahl vor Gericht sitzen muss

Wien – Es ist selten, dass die Staatsanwaltschaft in einer Angeklagten ein Opfer sieht. Karin Windwarder macht es in ihrem Schlussplädoyer. "Sie ist hier nur ein kleines Rädchen", sagt sie über Semsa H., über deren Alter man nur weiß, dass sie strafmündig ist. Sie sagt, sie sei knapp über 14, bei der Polizei und in der Untersuchungshaft sprach sie davon, 16 zu sein, laut zahnmedizinischem Gutachten ist sie knapp unter 18.

"Sie wurde hier eingesetzt und wohl auch ausgenutzt", führt Windwarder weiter aus, warum der Teenager vor Richterin Martina Frank wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und gewerbsmäßigem Diebstahl sitzt. Verteidiger Arno Pajek glaubt, dass sie mit Drohungen dazu gezwungen wurde.

2000 Euro bei 14 Diebstählen

Zwischen Ende November und dem 22. Jänner soll sie 14 Taschendiebstähle begangen haben. Der Schaden: Rund 2000 Euro. "Ich fühle mich schuldig", sagt sie nun. Und erzählt eine herzzerreißende Geschichte. Aufgewachsen in der bosnischen Stadt Srebrenica, Halbwaise, sei sie im November mit der Mutter und der Hilfe von Schleppern nach Wien gekommen. "Wo haben Sie denn gewohnt?", will Frank wissen. "Bei der Caritas oder auf dem Bahnhof."

Sie sei ohne Wissen der Mutter stehlen gegangen, mit dem strafunmündigen Senad, den sie aus der Heimat kannte und in der Betreuungsstelle "Drehscheibe" zufällig getroffen habe. "Was ist mit dem vielen Geld passiert?", fragt die Richterin. "Das haben wir ausgegeben." "Und was haben Sie gekauft?" "Kleidung bei H&M, wir sind ins Kino gegangen." Was verwundert – vor Gericht versteht und spricht H. kein Wort Deutsch.

Verschwundene Mutter

"Und wo ist das ganze Gewand? Um 2000 Euro kann ich mir bei H&M schon einiges kaufen", stellt die Richterin fest. In der Tasche und dem Koffer der Mutter, sagt die junge Frau. Kurz vor ihrer Festnahme habe sie die Mutter allerdings aus den Augen verloren, schildert sie, während sie sich Tränen mit dem Ärmel abwischt.

Das Problem an der Geschichte: Sie ist zum Teil unglaubwürdig. Denn die Polizei hat Videoaufnahmen der Diebstähle, auf denen nicht nur das Duo, sondern in unmittelbarer Nähe andere amtsbekannte Personen zu sehen sind, wie ein Polizist als Zeuge aussagt. Auch die habe sie nur zufällig getroffen, beteuert die Angeklagte, Hintermänner gäbe es keine.

Polizei sucht Hintermänner

Der Polizist vermutet anderes: 2006, als es ähnliche Vorgänge gab, traten auch Erwachsene in Erscheinung. Diesmal sind die unsichtbar. Dass die Jugendlichen fast nie Geld dabeihaben, wertet er als Indiz, das sie es abliefern müssen. Derzeit ermittle man.

"Wie soll das weitergehen?", fragt Frank die Angeklagte. "Ich will in die Schule gehen." "Die ist in Bosnien. Wollen Sie in Österreich bleiben?" "Ja, bis ich meine Mutter wieder finde", sagt H. mit Tränen in den Augen. "Und wo werden Sie wohnen?" "In der Drehscheibe."

Bei einem Strafrahmen von bis zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt Frank den Teenager rechtskräftig zu neun Monaten, einer davon ist unbedingt – den hat sie schon in der fünfwöchigen Untersuchungshaft verbüßt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 27.02.2014)

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    foto: heribert corn

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