Mode Mailand: Neue Kräfte auf flachen Sohlen

25. Februar 2014, 18:20
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Modeschauen für kommenden Herbst und Winter: In Mailand regieren weiterhin die alten Meister. Langsam macht ihnen jetzt aber eine neue Generation an Modemachern das Terrain streitig. Unter ihnen auch ein junger Österreicher.

Ob das schon ein Signal für die Zukunft war? Bei Prada in Mailand gab neben Miuccia eine weitere Frau den Ton an: Die deutsche Schauspielerin Barbara Sukowa begleitete den Lauf der Models mit Liedern von Kurt Weill. Die Prada-Mode? Dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder gewidmet, alles in allem ein eklektischer Materialmix: in die Länge gezogene, ans Art déco angelehnte Silhouetten, schräge 1970er-Jahre-Muster, konterkariert von pelzverbrämten breiten Jacken in knalligem Violett, Rot und Gelb. Aus allen möglichen Nähten quoll gefärbtes lockiges Lammfell, selbst aus den transparenten übergroßen Kleidersäcken aus Organza, festgehalten nur von schmalen Lederbändern. Miuccia Prada weiß zu spielen, und das machte sie wieder einmal ziemlich souverän.

Die Damen...

Doch sie war nicht die einzige Designerin, die während der Modewoche in Mailand glänzte. Das verwundert nicht: Vielleicht verstehen Frauen ihre weibliche Kundschaft einfach besser als die Männer. Consuelo Castiglioni zum Beispiel: Sie hat nicht umsonst eine treue Fangemeinde - und die dürfte ihr bis zum Verkauf der kommenden Winterware weiterhin die Stange halten. Castiglioni fuhr bei Marni ein Feuerwerk großzügiger Silhouetten auf: Schößchen, die sich zum Boden hin fast bis auf die Knöchel zu Volantröcken verlängerten, die meisten Rocksäume auf Überknielänge, stark überschnittene Schultern an Mänteln und Sweatern, etliche lange Mäntel, in der Taille zusammengehalten von breiten Gürteln.

Und auch die Generation der Designerinnen um die vierzig zauberte. Gucci-Designerin Frida Giannini blieb diesmal beim Durchwühlen des hauseigenen Archivs in den 1960er-Jahren hängen, zumindest schlug sie zarte Sorbetfarben von Rosé bis Babyblau für den Herbst vor. Alessandra Facchinetti legte für Tod's ihre zweite Kollektion, natürlich hauptsächlich in Leder, hin: hier gestanzt, da glänzend und in Lack, obenauf breitkrempige Hüte.

...die Herren

Eigentlich könnte es den Herren Lagerfeld (für Fendi), Cavalli und Armani neben so starken Designerinnen blass um die Nasenspitzen werden, wären sie nicht selbst noch so gut im Geschäft. In Mailand dominieren die Designer seit Jahrzehnten das Modegeschehen. An ein Aufhören wollen sie nicht denken. Wohl eher an Expansion: Roberto Cavalli und Giorgio Armani eröffneten während der Modewoche neue Einkaufstempel im Mailänder Zentrum. Denn Geschäftsleute sind die Herren allemal. Lagerfeld sorgte auf dem Laufsteg von Fendi für ordentlichen Rummel, indem er seinem Lieblingsmodel Cara Delevingne ein pelziges Alter Ego in die Handschuhfinger drückte.

Und Cavalli? Ließ um eine Wasserstelle einen Feuerring lodern, die Flammen züngelten theatralisch auf Kleidern und Pelzen weiter. Ein Ende der Fahnenstange ist bei den Signori trotzdem absehbar. Sie sind nicht nur ergraut, sondern mittlerweile zwischen fünfundsiebzig und achtzig Jahre alt. Dass die italienische Mode Durchzugsbedarf hat, ist offensichtlich.

Nun ist ausgerechnet eine Frau angetreten, um die Mailänder Modewoche umzukrempeln - eine geborene Britin noch dazu: Jane Reeve lebt schon lange in Italien und hat in der Werbebranche gearbeitet, sie ist seit kurzem die erste weibliche Geschäftsführerin des italienischen Modeverbandes. Mit ihren Reformvorhaben rennt sie mittlerweile offene Türen ein. Sogar bei jenen silbrigen Platzhirschen, die seit Jahrzehnten das Business beherrschen.

Armani coacht die Jungen

Vielleicht ist jetzt auch einfach der richtige Zeitpunkt gekommen, politisch herrscht in Italien Aufbruchsstimmung: Matteo Renzi wurde mit gerade einmal 39 neuer Regierungschef Italiens. Kurzzeitig wurde sogar über ein Ministeramt für den mächtigen wie umtriebigen Tod's-Chef Diego Della Valle spekuliert. Und in der Mode? Hat selbst der Grandseigneur Giorgio Armani erkannt, dass die Luft ohne Nachwuchs dünn wird. Er nahm während der Modewoche mit dem italienischen Label "Au jour le jour" schon zum vierten Mal ein junges Label unter seine Fittiche und ermöglichte ihm im Teatro Armani eine erste Modenschau. Die fiel so poppig wie bunt aus: Ganze Batterien an Hundeköpfen wurden auf Minikleider gedruckt, der spielerische Umgang mit ganz viel Farbe hat auch schon dem jungen italienischen Label MSGM Glück gebracht: Es zeigte in Mailand bereits seine zweite Show.

Wie anders hingegen die hochgelobte Kollektion des Thomas Maier für Bottega Veneta: Er zeigte fast ausschließlich Kleider, die er wie feine Puzzles zusammensetzte. Das Agieren des Modehauses Jil Sander war eher vorsichtig, denn das scheint gerade in einer Art Schwebezustand: Seit die Hamburger Designerin nach einem kurzen dritten Intermezzo das Handtuch geworfen hat, muss ein Designteam in die Bresche springen. Über die Kollektion gehen die Meinungen auseinander: Ist das nun solide oder schon wieder belanglos? Immerhin, es liefen sieben Hosenanzüge durch den White Cube, Kleider wurden an unerwarteter Stelle gerafft, zarte Farbtöne von Grün bis Flieder dominierten. Die Schuhe? Zwar mit einem Plateau versehen, aber durchgehend flach.

Schuhmode

Flache Sohlen scheinen in Mailand neuerdings eine ernstzunehmende Alternative für die Frau zu sein. Bei Emporio Armani trugen sie die Models zu gekürzten voluminösen Hosen, bei Marni zu einer vergleichbaren Rocklänge, sogar im Märchenland von Dolce & Gabbana wurden zu naiv und bunt bestickten Mänteln und Kleidern spitze flache Schuhe kombiniert.

Dazu passt die neue Bequemlichkeit oben herum: In der kommenden Wintersaison werden, wenn es nach den Mailänder Modeschöpfern geht, übergroße Mäntel wie bei Max Mara oder Sportmax über Hosen und noch öfter Röcken in Dreiviertellänge getragen. Dazu gibt es Sportives, entweder auf Materialebene oder der des Schuhwerks.

Wie sehr die Modepresse in Mailand nach Abwechslung sucht, führte ausgerechnet ein österreichischer Designer vor: Arthur Arbesser hat einige Jahre für Armani gearbeitet, seine dritte Kollektion zeigte er in der Wohnung eines befreundeten Architekten. Die internationalen Modekritiker rannten ihm nacheinander die Tür ein. Gute Ideen können ab und an die großen Budgets in den Schatten stellen. Vielleicht findet Arthur Arbessers Alleingang ja seine Nachfolger. (Anne Feldkamp aus Mailand, DER STANDARD, 26.2.2014)

  • Prada
    foto: reuters

    Prada

  • Ungesäumtes von Arthur Arbesser.
    foto: reuters

    Ungesäumtes von Arthur Arbesser.

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    reuters
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