Weltwirtschaft krankt an wachsender Ungleichheit

26. Februar 2014, 08:48
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Verteilungsökonomen warnen vor Schieflage: Die Schere zwischen Arm und Reich drohe angesichts hoher Kapitaleinkünfte weiter aufzugehen

Es ist wie beim Cholesterin, es gibt schlechtes und gutes. In den vergangenen zwanzig Jahren hat die Weltwirtschaft aber zu viel von dem schlechten erwischt", sagt der Ökonom Branko Milanovic. Das Cholesterin ist in diesem Fall die Ungleichheit, die Schere zwischen Arm und Reich. Gut kann sie sein, wenn sie Leistungsanreize schafft und so die Dynamik einer Wirtschaft fördert - schlecht, wenn sie das soziale Gefüge zerreißen lässt.

Die jüngste Zunahme an Ungleichheit - etwa gemessen an der Verteilungskennzahl Gini - ist für Branko Milanovic aber eine "regelrechte Krankheit des Wirtschaftssystems". Der serbische Volkswirt ist ein anerkannter Experte auf dem Feld der Ungleichheit, war lange Jahre leitender Ökonom bei der Washingtoner Weltbank und ist Professor an der City University New York.

Milanovic arbeitet gerade an einer Studie zu den Verlierern der Krisenjahre von 2007 bis 2010. Seinen Zahlen zufolge "ist ganz klar, dass die Bezieher niedriger Einkommen viel stärker unter der Krise gelitten haben". Dafür hat sich der Ökonom Daten aus den USA und den europäischen Krisenländern Griechenland, Italien und Spanien angesehen. Die Bezieher niedriger Einkommen kamen auf Einbußen von bis zu 40 Prozent. Bei den Beziehern mit den höchsten Einkünften sind es oft nur einstellige Werte.

Für Diskussionen dürfte auch der französische Ökonom Thomas Picketty sorgen. Im April erscheint die englische Version seines Buchs Kapital im 21. Jahrhundert. Mit einem großen Datensatz zu Vermögens- und Einkommenszahlen warnt der linke Ökonom vor einem alarmierenden Trend, vor "untragbarer Ungleichheit". Seine These: Die Welt bewegt sich auf eine Zeit ähnlich extremer Gegensätze wie im 19. Jahrhundert zu.

Steuer gegen steigende Profite

Er stützt sich dabei etwa auf Daten zum Verhältnis von Kapital zu Nationaleinkommen. Ende der 1870er-Jahre war das gesamte private Vermögen so groß wie sechs bis sieben Jahre Nationaleinkommen. 1950 machte das Kapitalvermögen zwei bis drei Jahre der Einkünfte aus, bis 2010 waren es bereits vier bis sechs Jahre. Dazu kommt, dass die Vermögen selbst ungleicher verteilt sind. So hat sich etwa der Anteil, den Milliardäre am gesamten Wohlstand halten, seit 1987 verdreifacht. Das liegt vor allem an überdurchschnittlich hohen Renditen bei großen Vermögen - die Picketty am liebsten mit einer Steuer kappen würde.

Doch es gibt auch alternative Erklärungsversuche für die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Der Ökonom Jeremy Greenwood von der Universität von Pennsylvania hat in einer aktuellen Studie nachgewiesen, dass das Heiratsverhalten zur Bildung einer reichen Elite beigetragen hat. Denn heute würden Männer und Frauen viel stärker Partner mit ähnlichem Bildungshintergrund ehelichen. Akademiker etwa heiraten mit viel höherer Wahrscheinlichkeit Akademiker. Das verstärke die Einkommensungleichheit. Zweitens hat auch noch die zunehmende Automatisierung die Kluft zwischen verschiedenen Berufsklassen ausgeweitet. In seinem aktuellen Buch The Second Machine Age mahnt der Technologie-Experte Erik Brynjolfsson von der renommierten US-Universität MIT, dass immer mehr Jobs durch Digitalisierung und Automatisierung ersetzt würden. Was auch immer die Gründe für die steigende Ungleichheit sind, die Folgen sind für Milanovic klar. Ab einem gewissen Punkt ist der soziale Friede gefährdet. Ob bei einem Gini-Koeffizienten von 0,45 oder von 0,5, sei dabei nebensächlich.

Milanovic bringt aber noch eine andere Perspektive ins Spiel. Global betrachtet ist die Welt in den vergangenen zwanzig Jahren nicht wirklich ungleicher geworden, sondern stagniert auf hohem Niveau. Zwar haben die hohen Wachstumsraten in China und Indien hunderten Millionen Menschen hohe Einkommenszuwächse beschert. Sie profitierten von der jüngsten Phase der Globalisierung, aber ebenso profitierte das weltweit reichste Prozent. "Die Mittelschicht in den Industrienationen kam hingegen unter Druck. Das ist und wird noch zu einem politischen Problem." (Lukas Sustala, DER STANDARD, 26.2.2014)

  • Luxuskonzerne wie LVMH konnten auch in Volkswirtschaften mit niedrigerem Einkommensniveau dank einer wachsenden Schicht Vermögender kräftig expandieren. 1792 neue Stores hat der Konzern seit 2003 eröffnet und damit seine globale Präsenz mehr als verdoppelt.
    foto: epa

    Luxuskonzerne wie LVMH konnten auch in Volkswirtschaften mit niedrigerem Einkommensniveau dank einer wachsenden Schicht Vermögender kräftig expandieren. 1792 neue Stores hat der Konzern seit 2003 eröffnet und damit seine globale Präsenz mehr als verdoppelt.

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