Weder mit noch ohne Fleisch lebt man "richtig"

Leserkommentar25. Februar 2014, 17:31
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Fleisch essen oder nicht, das ist nicht die Frage

Oliver Jeges hat sehr ausführlich seinen Unmut geäußert - über Menschen, die beim Thema Fleischkonsum wenig Spaß verstehen (Oliver Jeges, Was macht ein Tierrechtler, wenn ihn eine Mücke sticht?, DER STANDARD, 22. Februar). Alle Menschen, die sich über ihren Lebensstil Gedanken machen, als einer Mode unterliegende Pflanzenesser zu bezeichnen, die das Thema "Essen" zum postmodernen Tabu erhoben haben, geht allerdings zu weit. Jeges bezeichnet vegetarische Ernährung als einen "Kollateralschaden der Evolution" westlicher Wohlstandsgesellschaften.

Je besser es den Menschen geht, um über umso unwichtigere Sachen können sie sich den Kopf zerbrechen, so Jeges. Grundsätzlich gibt es dieses Wohlstandsphänomen sicher. Überlegungen zum Thema Ernährung fallen jedoch kaum in diese Kategorie. Unwichtig sind sie vor allem deshalb nicht, weil immer noch etliche Millionen Menschen auf der Erde Hunger leiden und für viele keine Besserung in Sicht ist. 

Konsumkultur als Hauptproblem

Es sei dahingestellt, ob man sich persönlich dafür oder dagegen entscheidet, Fleisch zu essen. Davon abgesehen ist kaum bestreitbar, dass der Fleischkonsum einer steigenden Zahl an Menschen weit über dem Maß, das als gesund, umweltverträglich und bei einer ethisch vertretbaren Produktionsweise erschwinglich wäre, hinausgeht.

Die globale Mittel- und Oberschicht pflegt - nicht nur beim Fleisch - eine Konsumkultur, die aus volkswirtschaftlicher, ethischer und sozialer Hinsicht kritisch ist. Viele leidenschaftliche Fleischesser, die das wissen, wenden sich leider aus ihrer kognitiven Dissonanz heraus mit Sarkasmus und Feindseligkeit gegen Menschen, die bewusst leben wollen.

Denn die Entscheidung für vegetarisches Leben kann ein Zeichen gegen den Konsumwahnsinn - zumindest in dieser Dimension - setzen. Es sollte beim Thema Ernährung allerdings nicht um die Stigmatisierung von Menschen wegen ihrer Einstellung zu Fleisch gehen. Selbst wenn sich die gesamte Bevölkerung vegetarisch ernähren würde, hätten wir die Probleme der Welternährung nicht gelöst. Ganzheitliches Denken wäre gefragt.

Blutvergießen hängt von der Produktion ab

Besonders irritiert hat in Jeges' Artikel der Vergleich mit Felix Olschewskis Text "Verursachen Vegetarier mehr Blutvergießen als Fleischesser?". Der möglicherweise etwas unglücklich - oder absichtlich polarisierend - gewählte Titel deutet an, dass auch in der Pflanzenproduktion viele Tiere, vor allem Kleinstlebewesen, sterben müssen.

Im Grunde genommen kritisiert Olschewski allerdings nicht die vegetarische Lebensweise, sondern die konventionelle, intensive Pflanzenproduktion (wobei unerheblich ist, ob diese nun von Menschen oder Tieren gegessen werden), und plädiert für eine nachhaltigere Produktion. Es sei sicher der beste Weg, so Olschewski, bei der Ernährung nachzudenken und lokale Gegebenheiten zu beachten. Dass die biologische Landwirtschaft der momentan richtigste Schritt in diese Richtung ist, auch wenn sie noch lange nicht am Ziel angekommen ist , erwähnt Olschewski ebenfalls.

Umso bedenklicher, dass in diesen Tagen die Kürzung der Bio-Prämien in der nächsten Förderperiode geplant wird, während sich viele mit dem gegenseitigen Sticheln über Fleischkonsum beschäftigen. Fleischkonsum ist ein Aspekt unserer Ernährung, jedoch nicht das einzige Problem.

Generell sollte es nicht immer nur um die Fleischfrage, sondern um ganzheitliche Einstellungen zu Lebensmittelproduktion, -verteilung und -konsum gehen. Je nach Gegebenheiten und Alternativen können persönliche Entscheidungen darüber unterschiedlich sinnvoll sein. Weder mit noch ohne Fleisch und Fisch lebt man "richtig" (sofern das überhaupt möglich ist), wenn man sich nicht über die Herkunft und Produktionsbedingungen der konsumierten Nahrungsmittel Gedanken macht. Dabei andere Lebensstile abzuwerten, wird den eigenen erst recht nicht richtiger machen. (Doris Fröhlich, Leserkommentar, derStandard.at, 25.2.2014)

Doris Fröhlich (25) lebt in Graz, ist kritische Konsumentin und seit zwei Jahren Vegetarierin.

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