Mit Mao und Moneten in den Kohlenschacht

25. Februar 2014, 17:49
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Der britische Romancier David Peace zeigt in seinem Werk "GB 84" virtuos, wie man mit den Mitteln des Thrillers eine Schlüsselszene der europäischen Politik in den Blick bekommt: den Bergarbeiterstreik 1984

Wien - Für Margaret Thatchers Charakterisierung lässt sich Autor David Peace viel Zeit. Man schreibt das Orwell-Jahr 1984. Die Kohlenminen stehen still in Mittelengland. Die Fachgewerkschaft wähnt sich gegenüber Thatchers konservativer Regierung im Vorteil. Ihr Präsident Arthur Scargill erteilt allen Schließungsplänen eine Absage. Er ist Marxist. Er sieht sich in der Tradition linker Kirchenväter wie Lenin und Mao. Große Reden gehen ihm leicht von der Zunge. Seine Bergleute haben bereits einmal einen konservativen Premier erfolgreich aus dem Amt gejagt: 1974 Edward Heath.

Thatcher ist nicht nur aus härterem Holz geschnitzt, sie ist aus Eisen. Von einem Ei unterscheidet sie, dass man sie nicht weichkochen kann. Ihr Sendungsbewusstsein ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Sie meint, die Gewerkschaftsmacht gehöre eingedämmt. Yorkshire bildet das geografische Zentrum des Widerstands.

Chronik einer Vernichtung

Am 12. März 1984 wird der Streik ausgerufen. Kumpel im Ausstand prallen auf die Staatsmacht. Polizisten veranstalten Hetzjagden auf Streikende. Romancier David Peace (47) ist der Heimatdichter Mittelenglands. Seine Chronik schildert den Arbeitskampf als Vernichtungskrieg. England nimmt gezwungenermaßen Abschied von der Industriekultur des 19. Jahrhunderts. Die Protagonisten des Konfliktes mobilisieren alle Zwangsmittel. Vertreter beider Seiten lügen und betrügen. Gewerkschafter, besorgt um das Durchhaltevermögen der von ihnen vertretenen Arbeiter, organisieren Geld bei den Sowjets und sogar bei Libyens Gaddafi.

Ihr fiktiver Geschäftsführer heißt Terry Winters und stammt aus Sheffield. Die Gewerkschaftsspitze sitzt in trostlosen Hochhäusern. Die Helden der werktätigen Massen schlucken unentwegt Aspirintabletten und trinken hektoliterweise Bier. Winters schmeichelt Scargill, dem linkslinken Poltergeist, wo er kann. Indem er vorgibt, Agitationsarbeit zu leisten, geht er mit einer Bekannten ins Bett. Was er nicht wissen kann: Die Dame arbeitet für den Inlandsgeheimdienst. Winters' Versuch, den Streikzaster in die eigene Tasche umzuleiten, mündet in ein Fiasko. Die Arbeit eines Jahres entpuppt sich als Halluzination.

Die Auflösung von Wahrnehmungsinhalten ist David Peace' Spezialität. In der regennassen Landschaft Mittelenglands hetzen seine Figuren von Ort zu Ort, von Pub zu Pub. Merkwürdige Zwangsvorstellungen treiben sie um. Wie ballistische Körper jagen Täter und Opfer durch England. Sie prallen gegeneinander, ändern die Flugrichtung und verletzen Unbeteiligte.

Söldner kommen aus ihren Ritzen gekrochen. Abhörtechniker nutzen die Stunde und verrichten ihre indiskrete Arbeit mit blutenden Ohren. Arbeiter werden bestochen, umgedreht und von Margaret Thatchers Emissären an die Medienfront beordert. Das Drehbuch des Arbeitskonfliktes, der ein ganzes Land lahmlegt, wird von Peace in Streifen gerissen. 53 Kapitel behandeln jede einzelne Streikwoche. In einer Art Laufschrift kommen zwei Bergleute flankierend zu Wort, während die Handelnden hinter den Kulissen allmählich zugrunde gehen.

David Peace hat mit dem Red Riding Quartet, einer Tetralogie über den Yorkshire-Ripper, seine Hardboiled-Technik perfektioniert. In GB 84 (im Original 2004 erschienen) wird Politik nicht als Zutat verwendet, sondern es wird ihr Verschwinden beklagt. David Peace ist ein zorniger Autor. Indem er Textblöcke mit immer gleichen Signalwörtern gegeneinander verschiebt, erzeugt er ein Klima der Unentrinnbarkeit. Im Stakkato prügelt Peace die Sätze heraus.

Der Bergarbeiterstreik versinkt 1985 in der Depression. Während Thatcher sogar einen Bombenanschlag übersteht, wird Scargill als "Adolf" verunglimpft. Gruben werden geschlossen. Zechendörfer veröden, Menschen ziehen weg, die Selbstmordraten steigen. Peace hat den Nachruf auf die stolze Arbeiterkultur geschrieben: große, kakofonische Literatur. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 26.2.2014)

David Peace
GB 84
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Verlag Liebeskind 2014
540 Seiten, 26,80 Euro

  • David Peace: "GB 84". Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. 540 Seiten / € 26,80. Liebeskind, München 2014
    foto: verlag liebeskind

    David Peace: "GB 84". Roman. Aus dem Englischen von Peter Torberg. 540 Seiten / € 26,80. Liebeskind, München 2014

  • David Peace: britischer Autor mit Wohnsitz in Tokio.
    foto: dominik gigler

    David Peace: britischer Autor mit Wohnsitz in Tokio.

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