Das risikoreiche Turnier der Händler

25. Februar 2014, 18:52
1 Posting

Tiroler Ökonomen untersuchen im Labor Verhaltensmuster auf Finanzmärkten - Sie analysieren die Auswirkungen von Anreizsystemen und der Finanztransaktionssteuer.

Wer Medienberichte über Preisblasen liest, wird sich sicher fragen, warum diese Finanzmarktphänomene entstehen. Wie kommt es, dass die Preise von Handelsgütern, Wertpapieren oder Immobilien so sehr ansteigen, dass sie über ihrem eigentlichen Wert und über dem Wohlstandsniveau liegen? Wie viel Goldgräbermentalität spielt bei der Entstehung mit und wie könnte man die Blase, den Zusammenbruch und die folgende Finanzkrise verhindern?

All diese Fragen stellen sich natürlich nicht nur interessierte Laien, sondern vor allem Politiker. Letztere hoffen, mit der Finanztransaktionssteuer zumindest ein Regulativ gefunden zu haben. Ökonomen wie Michael Kirchler, Inhaber einer Professur am Institut für Banken und Finanzen der Universität Innsbruck, können die Wirksamkeit schon jetzt überprüfen. Kirchler, der 2012 vom Wissenschaftsfonds FWF mit einem Start-Preis ausgezeichnet wurde, stellt Finanzmärkte im Labor mit Testpersonen nach. "Das ist ein großer Vorteil", sagt er. Er simuliert den Finanzmarkt mit Computerprogrammen und kann zusätzlich das komplexe Verhalten von Menschen direkt beobachten.

Die Ausbildung der Testpersonen scheint dabei kaum eine Rolle zu spielen: "Bis jetzt finden wir, dass sich Finanzmarktprofis nicht wesentlich anders verhalten als Studierende", sagt Kirchler.

Der Ökonom erkennt freilich deutliche Unterschiede in den Verhaltensmustern der Geschlechter: "Frauen sind in unseren Labormärkten risikoscheuer, sie handeln weniger und sind, was die Rendite betrifft, weder unter den Topverdienern noch unter denen, die am meisten verlieren." Etwa 95 Prozent der Händler auf Finanzmärkten sind männlich. Könnte man daher sagen, dass mehr Frauen in diesem Job die Risikofreudigkeit aus den Märkten nehmen würden und mehr Stabilität brächten? Kirchler ist diese Schlussfolgerung zu simpel.

Auswirkungen von Anreizen

Der Handel auf Finanzmärkten sei wie ein Turnier. Soll heißen: Jeder will besser als der andere sein. Hier geht es zum einen um Status und Rang innerhalb der Community, und zum anderen hängt das Einkommen vieler Trader und Fondsmanager tatsächlich von ihrer relativen Performance im Vergleich zu anderen Händlern und Fondsmanagern ab. "Diese Anreize und das Lukrieren hoher Bonifikationen locken vor allem Männer in diese Welt."

Kirchler und sein Team finden bei ihren Versuchen auch Hinweise darauf, dass Händler, die Boni als Einkommensbestandteil haben, riskanter agieren als andere. "Wenn wir im Labor entsprechend viele Händler derart anreizen, dann finden wir eine klare Überpreisung der Aktie. Geben wir den Händlern allerdings ein hohes Fixum und bestrafen sie für schlechte Performance, so sinken die Preise sogar deutlich unter ein gerechtfertigtes Niveau." Anreizsysteme scheinen also nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf Aktienkurse zu haben.

Kirchler berichtet von einem speziellen Testsetting im Labor: Versuchsteilnehmer, die zwischenzeitlich im Händlerranking unterdurchschnittlich waren, nahmen ein höheres Risiko in Kauf als jene, die über dem Durchschnitt lagen. Das sei umso bemerkenswerter, als dass ihr Ranking, das sie am Bildschirm mitverfolgen konnten, gänzlich irrelevant für ihre Auszahlung am Ende des Experiments war. Einzig ihr relativer Status trieb sie zu ihrem riskanteren Verhalten an.

Und wie würde die viel diskutierte Einführung der Finanztransaktionssteuer auf Märkte wirken? Auch dazu hat der Tiroler Ökonom Untersuchungen im Labor betrieben und unterschiedliche Steuerprinzipien gegenübergestellt.

Die Finanztransaktionssteuer nach Marktprinzip - alle Händler am Markt, egal welcher Herkunft, werden beim Handel besteuert - führte zu starken Liquiditätsabflüssen hin zu unbesteuerten Märkten. Durch die fehlende Liquidität kam es zu Preisschwankungen auf dem besteuerten Markt.

Würde man allerdings die Händler nach dem Ansässigkeitsprinzip besteuern, dann müsste man beim Aktienhandel immer eine Steuer entrichten, egal wo gehandelt wird. In diesem Fall würde kaum Liquidität aus dem besteuernden Land abfließen, und die Preise würden nicht stärker schwanken als ohne Steuer, sagt der Wissenschafter.

Michael Kirchler sieht im Ansässigkeitsprinzip also deutliche Vorteile, betont aber zurückhaltend: "Letztlich entscheiden die Volksvertreter und diverse Interessengruppen, ob und wie diese Steuer eingeführt wird." (Peter Illetschko, DER STANDARD, 26.2.2014)

  • Eine Szene aus der Frankfurter Börse 2008, als die Finanzmarktkrise nach Europa kam: Frauen scheuten im Versuchslabor das Risiko, sagen Ökonomen. Daraus zu schließen, dass Finanzmärkte mit mehr Frauen stabiler wären, sei aber zu einfach.
    foto: ap/roland

    Eine Szene aus der Frankfurter Börse 2008, als die Finanzmarktkrise nach Europa kam: Frauen scheuten im Versuchslabor das Risiko, sagen Ökonomen. Daraus zu schließen, dass Finanzmärkte mit mehr Frauen stabiler wären, sei aber zu einfach.

  • Michael Kirchler, Ökonom und Start-Preisträger 2012.
    foto: uibk

    Michael Kirchler, Ökonom und Start-Preisträger 2012.

Share if you care.