Rundschau: Zurück aus der Zone

    Ansichtssache22. März 2014, 10:00
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    Hochklassiger Lesestoff für SF-Fans von Ted Chiang, Jeff VanderMeer, China Miéville, James Corey, Geoff Ryman und Ulrike Schmitzer

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    coverfoto: golkonda

    Geoff Ryman: "Pol Pots wunderschöne Tochter"

    Broschiert, 218 Seiten, € 15,40, Golkonda 2014

    Ted Chiangs "Das wahre Wesen der Dinge" ist nicht die einzige SF-Storysammlung aus dem A-Segment, die Golkonda im noch jungen Jahr herausgebracht hat. Fast zeitgleich dazu ist dieser Band herausgekommen, mit dem der aus Kanada stammende, aber seit langem in England lebende Autor Geoff Ryman nach langer Übersetzungspause mal wieder auf den deutschsprachigen Markt zurückkehrt. Es gibt ein paar Überschneidungen mit der 2011 auf Englisch erschienenen Sammlung "Paradise Tales". Doch handelt es sich wie schon im Falle Chiangs auch beim Best-of-Ryman um eine Zusammenstellung, die es in dieser Form nur auf Deutsch gibt.

    Ryman zählt zu den Autoren, für die Reisen zu einer maßgeblichen Inspirationsquelle geworden sind. Sein Herz gehört seit langem Kambodscha - siehe seinen bislang letzten Roman "The King's Last Song" oder die Mehrzahl der hier versammelten Geschichten (insgesamt sechs Stück aus den Jahren 1984 bis 2009). Zwei Erzählungen bringen dies besonders gut auf den Punkt: Das mehrfach preisgekrönte "Das unbesiegte Land" ("The Unconquered Country")  und die Titelgeschichte "Pol Pots wunderschöne Tochter" ("Pol Pot's Beautiful Daughter").

    Leidgeprüftes Land ...

    In "Das unbesiegte Land" verschmelzen historische Bezüge zum Vietnamkrieg oder zur Auslöschung der Städte unter den Roten Khmer mit Magic Realism und SF-Elementen wie ... lebenden Häusern. In extremer Verdichtung und Detailfülle ist es die Geschichte eines Landes wie auch eines einzelnen Menschen: "Dritte" wächst als Mädchen in einem Rebellendorf auf, muss aber in die Stadt flüchten, wo sie erst ihren Körper zur Züchtung von Biomechanoiden vermietet, in eine verhatschte Liebesgeschichte mit einem Soldaten gerät und schließlich - im biblischen Alter von 27 Jahren - zur geehrten Alten wird, die Geister sieht.

    Geister und Magic Realism prägen auch "Pol Pots wunderschöne Tochter", eine parallelweltliche Variante unserer Geschichte, in der die einzige Tochter des einstigen Diktators - hier Sith genannt - zum Symbol für die neue Generation Kambodschas wird: Interessiert an Mode, Unterhaltungselektronik und natürlich Liebe, existiert die blutige Vergangenheit ihres Landes für sie nicht. Aber die Vergangenheit findet Wege, sich in Erinnerung zu rufen. Kopierer drucken Fotos von Ermordeten aus, Geisterstimmen sprechen aus Handys und Spielzeugrobotern. Was nach Grusel klingt, baut sich jedoch zu einer Stimmung von Versöhnlichkeit und Trost auf. Und just die oberflächliche Sith, die auf Fotos von Massakeropfern als erstes deren modische Verfehlungen registriert, wird zum Inbegriff der bewältigten Vergangenheit und neuen Hoffnung.

    ... in Zukunft und Vergangenheit

    Eher zufällig fungiert Kambodscha als Schauplatz der SF-Geschichte "Aufgehalten" ("Blocked"), in der die Menschheit den Exodus in unterirdische Bunkeranlagen antritt - denn angeblich nähert sich eine Alien-Flotte. Die Menschen haben sich inzwischen stark diversifiziert, neue Genderformen und kollektive Lebensweisen hervorgebracht. All diese SF-Elemente tauchen aber nur als flüchtige Eindrücke auf. In erster Linie ist "Aufgehalten" eine stimmungsvolle Familiengeschichte, Rymans Fokus liegt wie stets auf Menschlichkeit und atmosphärischer Wirkung.

    Als letzte (Quasi-)-Kambodscha-Geschichte ist noch die Fantasystory "Die letzten zehn Jahre im Leben des Helden Kai" ("The Last Ten Years in the Life of Hero Kai") enthalten, die sich um einen Kriegermönch dreht, der in einem fremdbestimmten Land einen Aufstand lostritt und selbst zum Herrscher wird. Ist mir persönlich ein wenig zu allegorisch - seltsam wie eine Geschichte aus einem Sagenkreis, mit dessen Erzählregeln man nicht vertraut ist.

    Ortswechsel

    Besser als "Kai" gefallen mir die beiden Geschichten hier, in denen Ryman sein Lieblingsland hinter sich lässt und sich ganz auf das allgemeingültige Menschliche konzentriert. Und siehe da, nicht nur Ted Chiang ist bei dem Thema auf ein mechanisches Kindermädchen verfallen, auch Ryman hat eines bauen lassen. In "Herzlichkeit" ("Warmth") wächst der kleine Clancy als Sohn einer Karrierefrau auf, die sich mit dem Sperma eines Genies hat befruchten lassen. Leider erfüllt Clancy nicht die in ihn gesetzten Erwartungen und muss fortan mit seiner Roboternanny BETsi als einziger Bezugsperson auskommen. Es ist keine neue Geschichte, aber mit Ryman'scher Sorgfalt erzählt und daher rührend, ohne sonderlich rührselig zu werden.

    Und schließlich "Geburtstage" ("Birth Days"): Gebärmutterscreenings und die Behandlung von Embryos haben dazu geführt, dass nur noch heterosexuelle Kinder geboren werden. Ryman spricht alle gesellschaftlichen Konfliktlinien an, die man sich zu dem Thema vorstellen kann, belässt sie aber als leises Hintergrundrauschen. Plausibel beschrieben, zeichnet sich das schleichende Ende einer Lebensweise ab. Das sogar noch beschleunigt wird, als eine Methode entwickelt wird, die letzte, bereits erwachsene Generation von Schwulen und Lesben auch noch umzupolen. Dass der Wissenschafter Ron, der an diesem Projekt mitarbeitet, selbst schwul ist, bleibt aber nicht die einzige Ironie. Eine zweite, größere folgt, als Ron eine Entdeckung macht, die alles auf den Kopf stellen wird.

    Tendenziell steht bei Ted Chiang die Idee stärker im Vordergrund, bei Geoff Ryman hingegen das Feeling. In manchen Fällen - wie etwa "Geburtstage" - zeigen sich die beiden Autoren aber unerwartet verwandt. Konvergenz auf höchster schreiberischer Ebene gewissermaßen. Kurz zusammengefasst: Absolut lesenswert!

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