Rundschau: Zurück aus der Zone

Ansichtssache22. März 2014, 10:00
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coverfoto: golkonda

Malte S. Sembten: "Maskenhandlungen"

Broschiert, 315 Seiten, € 17,40, Golkonda 2013

Aaah, Horror-Kurzgeschichten. Die Lieblingslektüre meiner Teenagerjahre. Clive Barkers "Bücher des Blutes" auf der einen Seite, der kontinuierlich nachfließende Output Stephen Kings auf der anderen. Heutzutage ist alles, was ich von King noch zu lesen bekomme, leider nur mehr die Seitenzahl seines jeweils jüngsten Werks im Verlagskatalog (Vierstellig? Danke, aber nein danke). Doch seine kurzen Erzählungen finde ich heute noch gut - und den Höllenhund, der in "Zeitraffer" ("The Sun Dog") mit jedem neuen Polaroid-Foto ein Stück näher ans Objektiv bzw. an die Wirklichkeit herankommt, halte ich immer noch für einen der gruseligsten Einfälle von überhaupt.

Auch der deutsche Autor Malte S. Sembten nennt Barker und King explizit als Einflüsse - mal stärker, mal schwächer spürbar. Wobei mich an King am ehesten die sehr schöne Abschlussgeschichte von "Maskenhandlungen", "Der Problemopa", erinnert, in der ein junger Spitalspatient einen widerlichen alten Knacker als Bettnachbarn erhält. Anfangs erscheint er nur lästig, doch hat's der obszöne Opa buchstäblich in sich ... etwas jedenfalls.

Schockmomente

Als inhaltliche wie formale Hommage an Schauerliteratur der ganz alten Schule kommt "Der Tag des Anthrax" daher, in dem das Wort Touristenfalle wörtlich genommen wird. Und wenn wir schon bei den historischen Wurzeln des Horrorgenres sind: Eine Verbeugung vor Cthulhu kann da natürlich auch nicht ausbleiben. In "Die Krakelkult-Kampagne" wird PR-Mann Ray darum gebeten, den "unbekannten" Slogan Cthulhu R'lyeh nebst passendem Tentakellogo weltweit unters Volk zu bringen. Cthulhu-Stories zählen für mich in der Regel zu denen mit dem geringsten Überraschungspotenzial, aber halt - einen abgrundtiefen Schrecken hält die Erzählung doch bereit: Ray hört eine CD von Mariah Carey, uaaarrrrrghhhh!

Bei Clive Barker denkt man an BDSM-Poesie und eine Liebe zum Grotesken. Beides klingt in Sembtens Sammlung "Maskenhandlungen", die 14 Erzählungen aus den Jahren 1993 bis 2010 umfasst, mehrfach an. Wobei es an Groteskheit kaum zu überbieten ist, wenn sich das Portal zur Hölle als Klotür manifestiert ("H"). Körperliche Erfahrungen der intensiven Art machen die ProtagonistInnen von "Die armen Toten" und "Der Hautobiograph vom Grosvenor Square", wenn sie verbotene Orte aufsuchen. Letzteres ist gewissermaßen Barker'scher Schmerzfetischismus auf hetero.

Himmel und Hölle

Die beinahe zwei Jahrzehnte umspannende Sammlung zeigt nicht zuletzt, wie sich Sembten als Autor weiterentwickelt hat. Anfangs folgten die Geschichten noch einem recht einheitlichen Muster: Auf Fehlverhalten folgt Strafe. Das gilt für den Vergewaltiger in "H", der - Ironie! - Kleiber heißt, für sich aber eine männliche Raubtiernatur in Anspruch nimmt, den schmierigen Telefonstalker, der in "Telefonspiele" die ganz falsche Nummer wählt, oder den professionellen Geisterjäger in "Die armen Toten". Meist sind es schwache, triebgesteuerte Männer, die sich selbst für souveräner halten, als sie sind. Aber auch Frauen können von Hybris befallen sein - siehe etwa Valeska Sweet, eine zeitreisende Spezialagentin für Samenraub, die in "Blind Date" eine DNA-Probe von Jack the Ripper besorgen soll. Was in Sembtens vielleicht bekanntester Erzählung dem Ripper-Mythos eine weitere Täterhypothese hinzufügt.

Höhepunkt dieses Verbrechen-Strafe-Schemas dürfte die Titelgeschichte "Maskenhandlungen" aus dem Jahr 1998 gewesen sein, von der Sembten schreibt, dass er sich damit am Fall Dutroux "abreagieren" wollte. Das als Motiv, kombiniert mit einem so heiklen Thema wie dem sexuellen Missbrauch an Kindern, läuft automatisch Gefahr, mit Anlauf in ein Fettnäpfchen zu springen. Dass hier just die Kirche als positive Kraft in Erscheinung tritt, die Kindesmissbrauch sogar wiedergutmacht(!), liest sich heutzutage nur noch unfreiwillig komisch - aber fehl am Platz war die christliche Komponente schon damals. Rein erzählerisch ist die Geschichte mit ihren unerwarteten Volten allerdings bereits auf einem anderen Level angesiedelt als die allerersten Stories.

Es wird unvorhersehbarer

Den für mich entscheidenden Schritt hat Sembten vollzogen, als er sich aus dem Bestrafungsschema gelöst und damit auch das mehr oder weniger unterschwellige Moralisieren aufgegeben hat. (Nebenbei bemerkt: Sex kommt in diesen Geschichten ausschließlich in Form von Missbrauch, Vergewaltigung, Folter, Verstümmelung und Lustmord vor, das ist auch etwas ... bedrückend.)

Die Post-Millenniumsgeschichten finde ich tendenziell gelungener, weil unvorhersehbarer. Siehe die Hauptfigur von "Die Krakelkult-Kampagne", die ganz dem Täter/Opfer-Profil der älteren Geschichten entspräche, hier aber einer Strafe entgeht. Oder den gefolterten Gefangenen, dem in der düster-surrealen Erzählung "Die rote Kammer" keine Erlösung vergönnt ist. Oder die SF-Geschichte "Memory-TX", die sich um Gehirntransplantationen und kopierte Erinnerungen dreht und jedes simple Schwarz-Weiß-Moralisieren hinter sich lässt. Außerdem wartet sie mit einer hübschen Doppel-Alliteration auf: die insuffizienten Innereien moribunder Millionäre.

Liebe lohnt sich

"Brandopfer" greift noch mal das Motiv vom Spiritisten, der ein Spukhaus begutachtet, auf, verwebt dies aber mit politischen und historischen Aspekten und ist damit um einiges komplexer als das ältere "Die armen Toten". Und dann ist da noch ein Highlight namens "Der Spukpalast", von dem Sembten argwöhnt, dass es mit all seinen Querverweisen vielleicht nur für eingefleischte Poe-Fans genießbar sei. Keine Sorge, ist es nicht: Die Geschichte um einen betuchten Poe-Fan, der ein Bild erwirbt, das in "Der Untergang des Hauses Usher" erwähnt wird, liest sich gut. Sembtens Begeisterung fürs Thema steckt an, selbst wenn man nicht alle Details intus hat.

Und apropos liebevolle Bearbeitung, eine letzte Bemerkung noch zur Aufmachung der Storysammlung: Sie enthält ein Vorwort, Nachbemerkungen des Autors zu jeder einzelnen Geschichte, alle erforderlichen bibliografischen Angaben und eine Reihe von wirklich gelungenen Illustrationen. So geht das!

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