Rundschau: Zurück aus der Zone

Ansichtssache22. März 2014, 10:00
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coverfoto: fsg

Jeff VanderMeer: "Annihilation"

Broschiert, 208 Seiten, FSG 2014

Expeditionen in unerforschte Regionen gehören zum Grundrepertoire der Science Fiction und artverwandter Genres: To boldly go und so weiter. Die seit langem faszinierendste Variante dieses Plots kommt vom US-amerikanischen Autor und Herausgeber Jeff VanderMeer ("Shriek", "The Steampunk Bible"), der sich seit Jahren im Grenzland von SF, Fantasy, Steampunk, Magic Realism und Horror bewegt. "New Weird" hat man das Ende der 90er getauft, um doch noch eine Schublade zu finden. VanderMeers jüngstes Werk ist die mit "Annihilation" gestartete "Southern Reach"-Trilogie, deren drei angenehm schmale Teile allesamt 2014 erscheinen. Auf der Genre-Mischpalette liegt sie im Vergleich zu früheren Werken noch am ehesten am SF-Ende. Eindeutige Zuordnung ist aber auch hier keine möglich.

Irgendwie, irgendwo, irgendwann

VanderMeer macht weder Namens- noch Orts- oder Zeitangaben. Aus der beschriebenen Tierwelt können wir aber schließen, dass es irgendwo im Südosten der USA sein muss, wo sich eine merkwürdige Zone gebildet hat. Was in Area X anders ist als im Rest der Welt, lässt sich gar nicht so leicht an Details festmachen. Die Natur scheint irgendwie verändert zu sein, aber den Finger kann man nicht drauf legen. Menschen leben hier längst keine mehr, und diejenigen, die die Zone seitdem betreten haben, sind entweder gar nicht oder auf unterschiedlichste Weise verändert zurückgekehrt.

Frühere Expeditionen endeten in Amokläufen, Selbstmord oder langsamem Siechtum der Teilnehmer. Nun versucht die zuständige Southern-Reach-Behörde es zur Abwechslung mit einer reinen Frauengruppe: Einer Biologin (zugleich die Erzählerin von "Annihilation"), einer Psychologin, einer Anthropologin und einer Landvermesserin. Keine Namen. Dass die Frauen ausdrücklich angewiesen wurden, ihre Namen abzulegen, gehört zu den vielen Dingen, die von Anfang an ein seltsames Licht auf die Expedition werfen. Wie die black boxes, die sie bei sich tragen müssen und die angeblich anzeigen, ab wann der Aufenthalt in der Zone gefährlich wird (Geigerzähler sind es nicht - niemand weiß, nach welchem Prinzip sie funktionieren). Oder der Umstand, dass die Expeditionsmitglieder die Grenze zur Zone unter Hypnose überschreiten mussten. Wodurch natürlich auch wir LeserInnen nichts vom Wesen der Grenze erfahren.

Innerer = äußerer Kosmos

Der Plot mag einen unwillkürlich an "Picknick am Wegesrand" der Brüder Strugatzki denken lassen - oder mehr noch eigentlich an das, was Andrei Tarkowski in seiner Verfilmung "Stalker" daraus gemacht hat. Noch enger dürfte die Verwandtschaft zu den surrealen Apokalypse-Szenarien J. G. Ballards aus den 60ern sein ("The Drowned World", "The Crystal World"), in denen es jeweils um eine umfassende Transformation ging, die die Außenwelt und das Innenleben der Figuren gleichermaßen betraf.

Denn auch in "Annihilation" verschwimmen die Grenzen zwischen Außen und Innen. Desolation tries to colonize you, heißt es zunächst angesichts der zur Wildnis gewordenen Zone, die auf die Psyche der Forscherinnen nicht ohne Wirkung bleibt. Aber damit ist es nicht getan, Area X findet andere, direktere Wege, in Geist und Körper der Eindringlinge einzusickern und diese zu verändern. So lange, bis eine der Frauen ihr zunehmend erratisches Verhalten verzweifelt mit den Worten "I was trying to get away. From what's inside me" zu erklären versucht. Alleine schon die Kapitelüberschriften geben die Richtung vor: Initiation - Integration - Immolation - Immersion. Und über allem hängt wie ein drohender Reim der Titel des Buchs ...

Empfehlung!

Von Anfang an liegt eine surreale, hypnotische Atmosphäre über dem Geschehen, verstärkt durch jede neue Sichtung eines rätselhaften Zonen-Phänomens. Worauf genau die Frauen stoßen, möchte ich aber gar nicht erst aufzählen. Denn im Grunde liest sich der ganze Roman wie eine einzige Verlängerung des Augenblicks, in dem man die Tür zu einem geheimnisvollen Zimmer geöffnet hat und mit ängstlicher Neugierde den Kopf hineinsteckt.

Überaus faszinierende Lektüre jedenfalls. Zusammen mit den für Mai bzw. September geplanten Bänden "Authority" und "Acceptance" darf man "Annihilation" schon jetzt zu den Genre-Highlights des Jahres zählen.

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