Die Moral von der Fleischeslust

2. März 2014, 18:56
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Forscher diskutierten den Stellenwert von Tieren und Essen als ethische Frage

Darf man eine Zoogiraffe schlachten? Welche Rechte sollen Tiere haben? Fragen wie diese spalten regelmäßig die Öffentlichkeit und befeuern Tierschutzdebatten. Rechtlich gelten Tiere als "Sachen". Das ermöglicht ihre umfassende Nutzung - von der industriellen Produktion und Schlachtung bis zur ihrer Ausstellung und wissenschaftlich argumentierten Tötung in Zoos.

Die Grundlage dieses Umgangs mit Tieren sieht der bekannte US-Philosoph Gary Steiner vor allem im Anthropozentrismus. "Die Wurzeln und die Logik dieser Sichtweise sind bereits in der Philosophie der Antike und besonders im Denken des Aristoteles und der Stoiker zu suchen", sagt Steiner anlässlich einer internationalen Konferenz zu Human-Animal-Studies, die kürzlich an der Uni Innsbruck abgehalten wurde. Tiere seien nach dieser Logik den Menschen "insofern untergeordnet, als sie zum Logos, also zu Sprache und Vernunft, kategorisch unfähig seien".

In ihren moralischen Konzepten haben sich nach Steiner die meisten wirkmächtigen Denker des Abendlands ausschließlich auf den Menschen, seinen Schutz und seine Optimierung konzentriert. Diese anthropozentrische Sicht wurde zudem von den westlichen Religionen über Jahrtausende ins Bewusstsein einzementiert. Selbst Kant mit seinem kategorischen Imperativ gestand Tieren nicht mehr als einen rein instrumentalen Wert zu: Seiner Mahnung, dass man sie nicht grausam behandeln solle, lag keine direkte moralische Verpflichtung gegenüber Tieren zugrunde, sondern die Befürchtung, dass man dadurch auch im Umgang mit den Menschen abstumpfe.

Neuere Erkenntnisse aus Biologie und Verhaltensforschung bringen das Fundament dieser Logik zunehmend ins Wanken, wie der Zoologe Patrick Birkl hervorhob. Das Wissen um komplexe Handelsstrategien von Delfinen, gewitzte Täuschungsmanöver von Krähen und trauernde Elefanten verringert den gefühlten Abstand zwischen dem Menschen und anderen Spezies. Das veranlasst immer mehr Menschen, aus ethischen Gründen auf Fleisch und tierische Produkte zu verzichten.

Auch auf die ökologischen Folgen des global wachsenden Fleischverbrauchs wurde in Innsbruck hingewiesen: Immerhin sei laut einer Studie des Worldwatch-Instituts der Konsum tierischer Produkte für bis zu 51 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Kost und Verzicht

Aber ist der Verzicht auf alles Tierische auch für den Menschen selbst zuträglich? "Aus Gesundheitsgründen würde ich vegane Ernährung zwar nicht explizit empfehlen, davon aber - außer bei Krankheit, während Schwangerschaft und Stillzeit sowie für Säuglinge - auch nicht abraten", meint die an der Grazer FH Joanneum lehrende Diätologin Daniela Grach. Da sich Veganer im Allgemeinen bewusster und ausgewogener ernähren als durchschnittliche Mischköstler, komme es auch eher selten zu einer Mangelernährung. Generell empfiehlt die Ernährungsexpertin regelmäßige Blutkontrollen für Veganer.

Etwas anders sieht die Situation für Vegetarier aus, die zwar Fleisch und Fisch vom Speisezettel gestrichen haben, nicht aber Eier und Milchprodukte. "Verglichen mit Mischköstlern und ihrem im Durchschnitt viel zu hohen Fleischkonsum von täglich an die 200 Gramm ist eine vegetarische Ernährung eindeutig gesünder", sagt Grach. "Durch eine ausgewogene vegetarische Kost nimmt man weniger Cholesterin, Salz und gesättigte Fettsäuren auf, wodurch es bei dieser Ernährungsweise auch seltener zu Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Adipositas kommt."

Eine gefährdete Gruppe seien allerdings die sogenannten Puddingvegetarier, die sich vor allem von fleischlosen Fertigprodukten und Süßigkeiten ernähren: "Dazu gehören insbesondere Jugendliche, die aus ethischen Gründen auf Fleisch verzichten, sich mit ihrer Ernährung aber nicht weiter auseinandersetzen", sagt Grach.

Neuerdings wird auch der Verzicht auf Fleisch ethisch hinterfragt - Gemüse-Monokulturen können ganze Ökosysteme zerstören, so der Ansatz. Fest steht: Genügend Futter für weitere Diskussionen gibt es allemal. (grido, DER STANDARD, 26.2.2014)

  • Wie weit geht Tierliebe? An der Tötung einer Zoogiraffe entzündete sich die jüngste Debatte.
    foto: ap photo/san diego zoo, ken bohn

    Wie weit geht Tierliebe? An der Tötung einer Zoogiraffe entzündete sich die jüngste Debatte.

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