Die Revolution lähmt ihre Kinder

25. Februar 2014, 17:56
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Chinas Kulturrevolution hat eine ganze Gesellschaft traumatisiert - Psychoanalytiker haben untersucht, wie sich die Traumata auf die Nachfahren übertragen

Manchmal müssen selbst gestandene Analytiker mit ihren Gefühlen ringen. Als der deutsche Psychoanalytiker Alf Gerlach Mitte der 1990er-Jahre angehende Therapeuten in China ausbildete, setzte er sie dafür etliche Stunden auf die Couch - sogenannte Selbsterfahrungen sind fixer Bestandteil jeder therapeutischen Ausbildung. Gerlachs einzige Vorgabe an seine Studenten lautete, freiheraus über alles zu sprechen, was ihnen durch den Kopf geht.

Die Kindheitserinnerungen, die in den folgenden Sitzungen zutage kamen, waren nicht nur verstörend, sondern bis auf kleinste Details erschreckend ähnlich: Von den abwesenden Eltern war stets die Rede, die in Nacht-und-Nebel-Aktionen aufs Land verschleppt wurden. Von den Großeltern, die auf Schaubühnen öffentlich gedemütigt wurden. Und den Volksschullehrern, die von ihren eigenen Schülern verprügelt, gefesselt und mit Schandhüten durch die Straßen gejagt wurden.

Mit Tränen in den Augen bekundeten die Chinesen, wie gut es doch getan habe, endlich einmal über die damaligen Ereignisse gesprochen zu haben, nach dem jahrzehntelangen Schweigen selbst im engen Kreis der Familie. Das Damals - die Wurzel dieser tiefen Traumatisierungen - wurde in den Gesprächen nur umschrieben. Gemeint war die Kulturrevolution (1966- 1976).

Was geschah damals? Nach der politischen Revolution 1949 wollte Mao Tse-tung 1966 nun auch den kulturellen Überbau Chinas von Grund auf erneuern. Gemäß seiner Doktrin "Ohne Zerstörung kein Aufbau!" folgte eine Dekade voller Gewalt, Paranoia und eine in der Geschichte einmalige Zerstörung materieller Güter. Das mehr als zweitausend Jahre alte Wertesystem des Konfuzianismus wurde in seinen Grundfesten erschüttert.

Kollektive Massenpsychose

Mao stiftete die Jugend des Landes an, gegen das Alte, Etablierte, gegen die eigenen Eltern aufzubegehren. Als Rote Garden zogen sie durch die Dörfer, um reaktionäre Kräfte auszumachen und in Schauprozessen zu verurteilen. Die Seiten von Opfer und Täter wechselten dabei mehrmals, nahezu jeder konnte in Verdacht geraten, Befürworter des kapitalistischen Weges zu sein. "In den Familien sitzen die Verfolger und Verfolgten oftmals zusammen. Das macht es schwierig, Dinge anzusprechen", sagt Gerlach.

Das regressive Schwarz-Weiß-Denken richtete sich gezielt gegen die Intellektuellen. Als "stinkende Neunte" ordnete sie Mao den gesellschaftlichen Feinden zu. Der wissenschaftliche Betrieb kam mehrere Jahre lang zum Erliegen. In Spitälern wurden Ärzte und Chirurgen wahlweise in Arbeitslager gesteckt oder zum Latrinenputzen abgestellt, während man die Operationen fortan den Krankenschwestern überließ. "Das war eine Massenpsychose, in der das Realitätsprinzip außer Kraft gesetzt war", sagt Tomas Plänkers vom Frankfurter Sigmund-Freud-Institut.

Dass dieses kollektive Trauma so konsequent unter den Teppich gekehrt worden war, nahmen Plänkers und seine Kollegen als Ausgangspunkt für ihre Studie Chinesische Seelenlandschaften. Nicht zuletzt interessierte sie auch die Parallele zur Nachkriegszeit in Deutschland, als die Elterngeneration lange den bohrenden Fragen ihrer 68er-Kinder auswich. Erst nach Jahrzehnten des Schweigens entwickelte sich ein kritischer Diskurs über die eigene Vergangenheit, gestützt durch die Medien.

Welche Auswirkungen hat es für eine Gesellschaft, wenn sie die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergangenheit verhindert? Spätestens seit der jahrzehntelangen Holocaustforschung weiß man: Traumata verschwinden nicht einfach, sobald sie verschwiegen werden. Sie wirken in den nächsten Generationen weiter, sowohl individuell als auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Um diese Nachwirkungen zu untersuchen, befragten die Forscher sowohl Vertreter der Elterngeneration, die die Kulturrevolution bewusst miterlebt hat, als auch ihre später geborenen Nachfahren.

Die Teilnehmer aus der ersten Generation zeigten allesamt Symptome einer schweren Traumatisierung. Nur die Hälfte von ihnen wuchs überhaupt bei ihren leiblichen Eltern auf. Dass unter ihnen keine Aufarbeitung stattgefunden hat, zeigt ihre Unfähigkeit, die Ereignisse in ein kohärentes Narrativ aus Ursache und Wirkung zu setzen. Das damalige Geschehen erscheint für sie nach wie vor als von übernatürlichen Kräften gelenkt, wie Naturkatastrophen, die keiner weiteren Erklärung bedürfen. Einige der Befragten haben während der Studie überhaupt erstmals über ihre Erfahrungen aus dieser Zeit gesprochen.

Konsum als Kompensation

Dementsprechend wiesen ihre Kinder einen geradezu verschwindend geringen Wissensstand über die Kulturrevolution auf. Auffallend war, wie unterschiedlich die Generationen sich gegenüber politischen Autoritäten verhielten: Während die Eltern diesen durchwegs mit Misstrauen begegnen, hat sich das bei ihren Nachkommen relativiert.

Erziehung war die Kompensation einer Urangst, das erlebte Trauma könne sich bei ihren Kindern wiederholen. Damals erfuhr das sozialistische Ideal des Kollektivs seine Pervertierung: Statt dass es das Individuum schützte und ihm Geborgenheit spendete, wurde es zur Bedrohung. Deshalb haben die Befragten alles darangesetzt, ihre Kinder als Individuum zu stärken, um es gegen die staatliche Willkür zu wappnen. Die Wissenschafter sehen darin eine mögliche Erklärung für den Leistungsdruck im heutigen China.

Die Studie legt auch nahe, dass das dominante Konsumverhalten in Zusammenhang mit der nichtaufgearbeiteten Vergangenheit steht: "So verständlich das nach Jahren der Entbehrung ist, spürt man gleichzeitig, dass es keinen kulturellen Hintergrund gibt, der das austariert und nochmals infrage stellt", sagt Plänkers.

Schon aufgrund des geringen Samples kann die Studie letztlich nur Denkanstöße geben. Die deutschen Forscher hoffen jedoch, dass ihre chinesischen Kollegen auf das Fundament ihrer Arbeit aufbauen.

Dass dies bald passieren wird, ist unwahrscheinlich. Schon bei der Durchführung des Projekts verzichteten die Wissenschafter in ihren E-Mails auf Signalwörter wie "Kulturrevolution", da ihnen bewusst war, dass der digitale Postverkehr vom Sicherheitsapparat überwacht wird. Selbst 2006 erinnerte keine einzige Zeitung an den 40. Jahrestag des Ausbruchs der Kulturrevolution. Noch immer fürchtet das Regime eine Wiederholung der Geschichte. Nicht selten rechtfertigt es seine Ablehnung der Demokratie mit dem gesellschaftlichen Chaos der Kulturrevolution.

Kürzlich ist die Studie Chinesische Seelenlandschaften auch in englischer Sprache erschienen, fast ein halbes Jahrhundert nach Ausbruch der Kulturrevolution. Die chinesischen Mitautoren bleiben anonym. Sie baten darum, ihre Namen aus dem Buch zu streichen. (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, 26.2.2014)

  • Dass Souvenirläden wie hier in Peking Mao-Statuen und Kitsch aus der Kulturrevolution verkaufen, ist ein Indiz für die nichtaufgearbeitete Vergangenheit.
    foto: ap/dalziel

    Dass Souvenirläden wie hier in Peking Mao-Statuen und Kitsch aus der Kulturrevolution verkaufen, ist ein Indiz für die nichtaufgearbeitete Vergangenheit.

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