Impf-Experte Kolleritsch: Impfschutz ist in Österreich "löchrig"

25. Februar 2014, 13:41
26 Postings

Derzeit gibt es europaweit einen eklatanten Mangel an Vakzinen, die unter anderem auch vor Keuchhusten schützen

Der Impfschutz in der österreichischen Bevölkerung ist an einigen Stellen "löchrig". "Wir sind weit entfernt von einem Durchimpfungsgrad, um bei Masern einen Herdenschutz zu erreichen", sagte der Experte Herwig Kolleritsch vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien am 25. Februar bei der Apotheker-Fortbildungstagung in Schladming. Derzeit gibt es europaweit einen eklatanten Mangel an Vakzinen, die unter anderem auch vor Keuchhusten schützen.

"Die Masern werden noch immer nicht als gefährliche Kinderkrankheit akzeptiert", warnte Kolleritsch. Derzeit hätten rund 90 Prozent der Kinder die erste auch vor Masern schützende Impfung, nur rund 80 Prozent bekämen auch die zweite.

Immer mehr Keuchhusten-Erkrankungen

Der Experte: "95 Prozent Durchimpfungsgrad mit zwei Impfungen sind für die 'Herdenimmunität' notwendig." Das bedeutet, dass bei einem Durchimpfungsgrad von mehr als 95 Prozent in der Bevölkerung das Virus zu zirkulieren aufhört und auch Personen geschützt sind, die nicht immunisiert werden können, wie zum Beispiel Babys bis zum elften Lebensmonat. Alle Kinder sollten auf jeden Fall bis zum Ende des zweiten Lebensjahres zweimal (auch) gegen die Masern immunisiert werden.

Die zweite Problematik betrifft den Keuchhusten (Pertussis). Während durch die vermehrten Impfungen im Kindesalter in den unteren Altersgruppen die Erkrankung zurückgedrängt werden konnte, treten immer mehr Erkrankungen bei Jugendlichen und Erwachsenen auf, die entweder nicht geimpft wurden, bei denen eine Auffrischung unterblieben ist oder sonst nicht mehr in Kontakt mit den Erregern kommen. Kolleritsch: "Eine Studie in Deutschland hat ergeben, dass 1970 nur fünf Prozent der Keuchhustenfälle bei über 15-Jährigen auftraten, jetzt sind es 80 Prozent."

Impfstoff-Mangel ist "eine Schande"

Kompletter Schutz bei Kleinkindern durch die Immunisierung, Auffrischung im Volksschulalter sowie Erst- und Auffrischungsimpfungen für Erwachsene wären die besten Gegenstrategie. Doch dem stehe derzeit europaweit ein riesiger Mangel an Impfstoff entgegen.

Dieser betrifft in Österreich nicht den Sechsfach-Impfstoff für die Kleinkinder im Rahmen des kostenlosen Impfstoffprogramms, die auch eine Pertussis-Immunisierung enthält, sondern vor allem den Vierfach-Impfstoff (Diphtherie, Pertussis, Tetanus, Polio), die für die Auffrischungsimpfungen im Volksschulalter und auch für die Erwachsenen gedacht sind.

Der Experte: "Es ist eine Schande, wenn keine Pharmafirma in der Lage ist, den österreichischen Markt zu bedienen." Für das kostenlose Kinderimpfprogramm wurden noch zusätzliche Dosen des Vierfach-Impfstoffes in Europa aufgetrieben. Dies erklärte man am 25. Februar im Gesundheitsministerium. Der Engpass betrifft derzeit vor allem den "privaten" Markt. An Gegenstrategien wird gearbeitet.

Produktions- und Lieferengpässe

Aufseiten der Pharmaindustrie wurde schon bei ersten Meldungen über die Engpässe in Europa vor einigen Wochen betont, dass sowohl Produktionsprobleme bei einem Produzenten als auch vermehrte Bestellungen zu dem Engpass geführt hätten.

Vakzine sind biologische Arzneimittel, die in der Herstellung viel komplexer als synthetisch produzierte Medikamente sind. Es könne leichter zu Ausfällen kommen. Außerdem gebe es nur gewisse Produktionskapazitäten, die nicht akut ausgeweitet werden könnten.

Ein weiterer Mangel tut sich laut Kolleritsch offenbar bei einer Reiseimpfung auf: Es gibt auch Lieferschwierigkeiten bei der Tollwut-Vakzine. Hier gibt es seit Monaten einen Mangel. Reisemedizin-Zentren haben sich vorsorglich mit der Vakzine eingedeckt. (APA/red, 25.2.2014)

  • Der Engpass betreffe derzeit vor allem den "privaten" Markt. An Gegenstrategien wird laut Gesundheitsministerium gearbeitet.
    foto: apa/dpa/fredrik von erichsen

    Der Engpass betreffe derzeit vor allem den "privaten" Markt. An Gegenstrategien wird laut Gesundheitsministerium gearbeitet.

Share if you care.