Funktion des rätselhaften Augsburger Geräts geklärt

25. Februar 2014, 18:29
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"Steampunk-Apparat" als altes Galvanometer identifiziert - Lösung wurde im Rahmen eines Wettbewerbs gefunden

Augsburg - In den Top Ten unserer meistgelesenen Geschichten des Jahres 2013 nahm der Artikel "Wer kennt die Funktion dieser Apparatur?" den achten Platz ein: ein Beleg dafür, wie sehr Leser des Wissenschaftsressorts ein gutes Rätsel zu schätzen wissen. Und die Aufklärung wurde nun bekanntgegeben - bei der "Steampunk-Apparatur" handelt es sich um ein altes Strommessgerät.

Der Fund

Zur Vorgeschichte: Im Frühling 2013 wurde auf dem Dachboden des Augsburger Holbein-Gymnasiums ein über 100 Jahre altes Gerät unbekannter Funktion entdeckt. Selbst als die Schüler des Gymnasiums das mit Wasserwaagen, einem Winkelkranz, einem Objektiv, einem Pendel, zwei Spulen und einem Stromanschluss ausgestattete Gerät auf einer Konferenz Experten präsentierten, konnte keine Antwort gefunden werden. 

Dafür ergab sich eine Querverbindung nach Wien: Eine Gravur wies auf einen Erfinder namens "J. M. Ekling" hin. Johann Michael Ekling hat Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien studiert und gearbeitet. In der Historischen Sammlung der Fakultät für Physik der Uni Wien fand sich ein anderes, einfacheres Gerät von Ekling, ein Anschlagwinkelmesser. Die Funktion des Augsburger Geräts blieb dennoch weiterhin unklar - Vermutungen reichten von Landvermessung bis zur Messung des Erdmagnetfelds.

Der Wettbewerb

Um das Rätsel zu lösen, schrieben die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, das Deutsche Museum und das Holbein-Gymnasium mit Unterstützung der MAN-Gruppe, eines Maschinenbauunternehmens, ein Preisgeld von 1.000 Euro für die richtige Erklärung aus. Mehr als 200 Menschen reichten Lösungsvorschläge ein. "Wir waren begeistert von der Anzahl, der Bandbreite und der teils hohen wissenschaftlichen Qualität der Einsendungen", sagt Klaus Mainzer vom Munich Center for Technology in Society der TU München. "Die Ausschreibung hat den Forschergeist quer durch die Bundesrepublik und bei unseren Nachbarn geweckt."

Nun wurden die Preisträger bekanntgegeben: Beide waren zum Schluss gekommen, dass es sich ursprünglich um ein elektromechanisches Strommessgerät gehandelt haben muss - auch wenn nachträgliche Umbauten darauf hinweisen, dass das Gerät über die Jahre hinweg zu unterschiedlichen Zwecken und Messverfahren verwendet worden sein dürfte.

Die Sieger

"Ein Galvanometer! Das hatte ich bei mir im Kinderzimmer auch", schrieb der erste Gewinner der Ausschreibung, Thilo Weitzel, seines Zeichens Forschungsleiter am medizinischen Bildlabor der Berner Universitätsklinik für Nuklearmedizin. Weitzel, der das Gerät mit modernen elektronischen Komponenten nachbaute, ergänzte: "Die Bauform des Geräts legt nahe, dass das Verfahren von Johann Christian Poggendorf, einem deutschen Physiker des 19. Jahrhunderts, zur 'Regulirung der Galvanometerskale' verwendet wurde."

Der zweite Gewinner Thomas Walcher, ein emeritierter Professor der Kernphysik der Universität Mainz, identifizierte den Apparat ebenfalls als Strommessgerät und erörterte dessen physikalische Grundlagen sowie mögliche Verwendungsweisen. Beide Gewinner wurden am Dienstag zusammen mit den Siegern eines Schülerwettbewerbs, in dessen Rahmen nach originellen Lösungsvorschlägen gesucht wurde, ausgezeichnet. Den ersten Platz belegte die Schülerin Sina Platzbecker: Sie schrieb dem Gerät eine Geschichte auf den mechanischen Leib, in dem es die Weltausstellung 1889 in Paris "erlebt" und aus seiner Perspektive schildert.

Im Rahmen der Veranstaltung am Holbein-Gymnasium wurden die Funktionsweise des Geräts sowie dessen Nachbau demonstriert. Das Original wurde dabei zum ersten Mal öffentlich präsentiert - nun zwar seines Geheimnisses beraubt, aber immer noch sehenswert. (jdo, derStandard.at, 25.2.2014)

  • Sieben Monate lang durfte gerätselt werden, nun wissen wir es: Bei diesem Gerät handelt es sich um ein Galvanometer.
    foto: holbein-gymnasium

    Sieben Monate lang durfte gerätselt werden, nun wissen wir es: Bei diesem Gerät handelt es sich um ein Galvanometer.

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