Stammesrichter ordneten Vergewaltigung an

25. Februar 2014, 11:51
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Zur Strafe für angebliche Verfehlung ihres Bruders - Angeordnete Vergewaltigungen in Pakistan und Indien keine Seltenheit

Islamabad - Wie Menschenrechtsorganisationen im Jänner berichteten, wurde eine Frau in einem Dorf in Zentralpakistan als Strafe für angebliche Verfehlungen ihres Bruders mehrfach vergewaltigt. Dem Bruder von Fazlan Bibi war vorgeworfen worden, eine Affäre mit einer verheirateten Frau zu haben. In einem kaum zehn Minuten dauernden Prozess antwortete er nicht auf die Vorwürfe. Deshalb entschieden die Stammesrichter, die Männer der Gegenpartei dürften an Fazlan Bibi ihre verletzte Ehre rächen. Die Mittdreißigerin wurde von Verwandten der Geliebten ihres Bruders mehrfach vergewaltigt.

Die Polizei bestreitet die Vorwürfe. Nichts dergleichen sei geschehen, sagt der örtliche Polizeichef, Shahid Ramzan. Die Frau sei in eine Hütte gebracht und nackt ausgezogen worden. Sonst sei nichts weiter passiert. "Wir haben detailliert ermittelt und konnten bisher keine Vergewaltigung beweisen. Sogar das Opfer streitet das ab."

Nicht offizielle Dorftribunale

"Ich habe von mehreren Personen erfahren, dass Bibi vergewaltigt wurde", sagte die bekannte Aktivistin Mukhtaran Mai. Sie hatte versucht, Bibi in ihrem Heimatdorf Radiwali zu besuchen. "Ich wurde in der Nähe ihres Hauses von etwa 30 Männern zur Umkehr gezwungen." Mai selbst war im Jahr 2002 auf Befehl eines Stammesgerichts vergewaltigt worden. Nun leitet sie eine Organisation für weibliche Gewaltopfer.

Immer wieder gibt es Berichte über angeordnete Vergewaltigungen in Pakistan und dem Nachbarland Indien. Im indischen Bundesstaat Westbengalen soll im Jänner eine junge Frau auf Befehl eines Dorfvorstehers vergewaltigt worden sein, weil sie eine Liebesbeziehung mit einem Mann außerhalb des Stammes hatte. Die Frauen würden Opfer traditioneller Moralvorstellungen, sagen AktivistInnen.

Solche Dorftribunale regeln Streitigkeiten um Besitz, Eheschließungen, Diebstahl oder Ehebruch, da die offizielle Gerichtsbarkeit in Pakistan nicht in entlegene Stammesgebiete reicht. Offiziellen Status haben sie nicht.

Stillschweigen

Den Berichten zufolge wurde Bibi am 24. Jänner vergewaltigt, doch weder sie noch ihre Familie erstatteten Anzeige. Die Polizei begann zu ermitteln, nachdem Journalistinnen wie Tahseen Raza von dem Verbrechen berichtet hatten. Für Bibis Familie sei die Sache erledigt, sagte Raza. Alle hätten sich dem Urteil der Stammesältesten gefügt. "Ich habe das Dorf besucht und mit den Menschen gesprochen. Sie haben mir gesagt, ihre Familie will nicht, dass Bibi zu einer neue Mukhtaran Mai wird."

Mai wird in Pakistan bewundert und gehasst. Bewundert, weil sie sich gegen ihre Vergewaltiger zur Wehr gesetzt hat. Gehasst, weil sie offen über Sex spricht - in Pakistan ein Tabu. Von Frauen wird traditionell erwartet, dass sie Gewalt - sogar Vergewaltigungen - still erdulden. Und falls sie sich doch zur Polizei wagen, dauert es oft Jahre, bis sie Gerechtigkeit erfahren - wenn überhaupt. In Mais Fall wurde nur einer von zehn Angeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt, acht Jahre nach der Tat.

Kaum Anzeigen, kaum Strafen

2012 wurden in Pakistan, einem Land mit etwa 180 Millionen EinwohnerInnen, 822 Vergewaltigungen angezeigt, sagt Rabia Hadi von der Aurat-Stiftung. Die Dunkelziffer sei viel höher, meint die Aktivistin Sarah Zaman.

Etwa 70 Prozent der Vergewaltigungen in Pakistan würden verschwiegen, aus Angst vor einem Stigma oder entwürdigenden Verhören, sagt Zaman. "Verurteilungen sind selten, nur etwa zwei Prozent." Eine Bestrafung der Täter mache den Schmerz und die Erniedrigung zwar nicht wieder gut, meint Mai, doch sie könne abschreckend wirken. "Das Trauma bleibt ein Leben lang, aber eine Bestrafung gibt eine gewisse Genugtuung." (red/APA/dpa, dieStandard.at, 25.2.2014)

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