Aufstieg und Fall in Kiew

Kolumne24. Februar 2014, 18:53
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Die Massen hatten den Umsturz, so wie 2004 die Orange Revolution, erzwungen

Was sich innerhalb von 24 Stunden in Kiew abgespielt hat - die Absetzung des Präsidenten Wiktor Janukowitsch, die Freilassung der Oppositionsführerin Julia Timoschenko aus der Haft und die Ausschreibung einer Präsidentenwahl für den 25. Mai - bestätigt wieder einmal die Worte des großen russischen Denkers Alexander Herzen: "Geschichte ist ganz Improvisation, ganz Wille und geschieht aus dem Stegreif, es gibt in ihr keine Grenzen und keine Marschwege."

Die Leitartikel der Weltpresse, die den von der deutsch-polnisch-französischen Troika der Außenminister (Steinmeier, Sikorski und Fabius) in der letzten Minute vor seinem Fall durchgesetzten Kompromiss mit dem bedrängten Machthaber lobten, sind im Nu Makulatur geworden. Die Massen hatten den Umsturz, so wie 2004 die Orange Revolution, erzwungen. Zum zweiten Mal musste der bullige Vertrauensmann des Kremls über die Klinge springen. Wenn auch die Haltung Russlands noch unklar ist, klangen seine Drohungen gegen die "Banditen" hohl; seine Machtbasis zerfiel, und es zeichnet sich eine Neuorientierung der reichsten Oligarchen ab.

Trotzdem bleibt die Lage mit den Worten des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier "höchst fragil". Julia Timoschenko, die aus einem Rollstuhl in einer Brandrede ihren Anspruch auf die Führung des Landes erhob, ist aus der einstigen Lichtgestalt für viele zu einer politisch fragwürdigen Figur geworden. Ihr Kampf als Ministerpräsidentin auf Gedeih und Verderb gegen den damaligen Staatschef Juschtschenko (inzwischen in der politischen Versenkung verschwunden) samt fragwürdigen finanziellen Transaktionen ebnete den Weg 2010 zum scheinbar glänzenden Comeback von Janukowitsch. Weder sie noch der von den Medien etwas überschätzte, politisch unerfahrene Witali Klitschko gelten als unbestrittene Führungspersönlichkeiten für die zersplitterte Opposition. Auch die faktische Spaltung des Landes bleibt angesichts einer fast 30 Prozent starken Russisch sprechenden Minderheit im Osten und der Sonderstellung der Krim eine reale Gefahr.

Hinter den im Vordergrund handelnden Politikern stehen freilich nach wie vor eine Handvoll Milliardäre mit weitverzweigten internationalen Wirtschaftsinteressen. Die schamlose rasante Bereicherung der Janukowitsch-Familie und ihre offene Kehrtwendung gegen die EU dürften zum blitzschnellen Fall des Präsidenten beigetragen zu haben. In der katastrophalen Wirtschaftslage wird aber der russische Einfluss auch nach Janukowitsch bleiben. Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, wie Präsident Putin diesen Hebel einsetzen wird.

In den "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" betont Jacob Burckhardt, dass es am Anfang einer Krise einen großen Überfluss an vermeintlich großen Männern gibt: "Diese Anfänger sind nie die Vollender, sondern werden verschlungen, weil sie die Bewegung auf deren anfänglichem Stadium darstellten und daher nicht mitkommen konnten, während das neue Stadium schon seine eigene Leute bereithält." Es dürfte sich nicht um den letzten, sondern den ersten Akt der neuen Revolution handeln. Niemand kann allerdings heute die Dynamik des brisanten Konflikts im Schatten Russlands abschätzen. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 25.2.2014)

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