Von der Anti-Mafia-Ikone zur Ministerin

24. Februar 2014, 18:35
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Renzis Regionenministerin ist Maria Carmela Lanzetta

In der neuen italienischen Regierung war sie die größte Überraschung: Maria Carmela Lanzetta stand vor Ladenschluss am Abend noch im weißen Kittel in ihrer Apotheke, als sie aus dem Fernsehen von ihrer Ernennung zur Regionenministerin erfuhr. Sofort brach Jubel aus: "Im Handumdrehen verwandelte sich meine Apotheke in ein Tollhaus", erzählt die 58-Jährige. "Immer mehr Leute drängten zur Tür herein."

Dabei hatte sich die Exbürgermeisterin der kalabrischen Gemeinde Monasterace im vergangenen Juli von der Politik verabschiedet: "Basta! Ich kann nicht mehr. Ich bin müde und enttäuscht von der Politik, die uns mit unseren Problemen alleinlässt."

2006 war Lanzetta erstmals mit 62 Prozent zur Bürgermeisterin der 3500-Seelen-Gemeinde gewählt worden. Weil sie Rückgrat bewies und sich den Gesetzen der 'Ndrangheta nicht beugen wollte, setzten Handlanger der Mafiaorganisation 2011 als Warnung ihre Apotheke in Brand. Wenig später wollte die Mutter zweier Töchter zurücktreten, nachdem außerdem auf ihren Wagen geschossen worden war.

Ihr Rücktritt löste eine Solidaritätswelle aus. Parteichef Pier Luigi Bersani kam persönlich nach Kalabrien, und der Polizeipräfekt stärkte ihr den Rücken. Das Innenministerium veranlasste Polizeischutz für die Bürgermeisterin, die ihre Arbeit unentgeltlich verrichtete. Doch das Scheinwerferlicht verlosch bald, und Lanzetta fühlte sich erneut alleingelassen.

2013 legte sie ihr Amt endgültig nieder. In einem Brief an Kammerpräsidentin Laura Boldrini äußerte sie "tiefe Enttäuschung über die Politik und die leeren Versprechen": "Die Kassen unserer Gemeinden sind leer, die Mittel werden ständig gekürzt, der bürokratische Aufwand ist so groß, dass schon der Wechsel einer Glühbirne zum Problem wird. Wir arbeiten an einer gefährlichen Front und benötigen Unterstützung."

Ihre Beförderung zur Ministerin kam nun wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Lanzetta gehört dem linken Flügel des Partito Democratico an, der Renzis Politik eigentlich ablehnt. Um zu ihrer Vereidigung nach Rom zu kommen, musste sich die unbeugsame Mafia-Gegnerin mit den Carabinieri absprechen, denn die lange Fahrt in die Hauptstadt durfte Maria Carmela Lanzetta auf keinen Fall ohne Polizeischutz antreten. Mehrere Dutzend stolzer Dorfbewohner folgten ihr mit zwei Autobussen in die Ewige Stadt, um sie in ihr Ministerium zu geleiten.
(Gerhard Mumelter/DER STANDARD, 25.2.2014)

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