Stich für Stich in die Geschichtsbücher

25. Februar 2014, 05:30
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Vor 50 Jahren wurde Sonny Liston als Boxweltmeister im Schwergewicht entthront. Und ein gewisser Cassius Clay schickte sich an, die Legende Muhammad Ali zu werden

Wien - Cassius Marcellus Clay Junior bestellte ein Steak und Salat, dazu Gemüse. Später schlüpfte er in einen schwarzen Anzug und machte sich auf den Weg, die Welt zu erschüttern. Als Sonny Liston an jenem 25. Februar 1964 nach der sechsten Runde seines 37. Profikampfes den Mundschutz ausspuckte und auf seinem Hocker sitzen blieb, war nichts mehr wie zuvor. Clay war Weltmeister im Schwergewicht. Manche sagen, an diesem Tag, drei Monate nach der Ermordung von John F. Kennedy, zwei Wochen nach dem ersten Auftritt der Beatles in der Ed Sullivan Show, begannen in den USA die 60er erst richtig.

"Ich bin der König der Welt, ich bin der Größte. Ich habe die Welt erschüttert", schrie Clay, der zwei Tage später zum Islam konvertierte und den Namen Muhammad Ali annehmen solle, in die Mikrofone. Und die Welt hörte zu, fassungslos darüber, dass dieses Großmaul den härtesten Schläger der Szene tatsächlich in die Knie gezwungen hatte. "Das ist die größte Sensation in der Boxgeschichte", nuschelte der große Joe Louis, der als TV-Experte am Ring saß.

"Eat your words"

Er, der braune Bomber, hatte fest mit einem Sieg von Liston gerechnet. Wie fast alle in der halbleeren Convention Hall von Miami Beach. 43 der 46 anwesenden - hauptsächlich weißen - Koryphäen der Sportpresse hatten auf einen K.-o.-Sieg Listons getippt, nachdem sie wochenlang schlecht über Ali geschrieben hatten. "Eat your words", schleuderte der ihnen nun entgegen.

Alis Sieg war mehr als eine sportliche Sensation. Auf einmal war ein Schwarzer Weltmeister aller Klassen, der in keine Schublade der immer noch rassistisch geprägten Gesellschaft passte. Liston, ja, das war der "böse Schwarze", der Dieb, der hässliche Bär, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte sich den Gürtel von Floyd Patterson geholt, vom "guten Schwarzen", vom angepassten Champion, der wusste, wo sein Platz in der Gesellschaft war - am Dienstboteneingang.

Liston hatte Patterson zweimal schwer verprügelt, sein Ruf klang wie Donnerhall, umweht vom Hauch des organisierten Verbrechens. Trotzdem wollten viele Weiße Liston gegen Ali siegen sehen. "Er war ein Ganove, jetzt ist er unser Polizist, er ist der große Neger, den wir bezahlen, damit freche Neger nicht aus der Reihe tanzen", beschrieb das der spätere Pulitzerpreisträger Murray Kempton.

Der Kampf sei der "populärste seit Hitler gegen Stalin", schrieb Jim Murray in der Los Angeles Times. "180 Millionen Amerikaner halten die Daumen für einen doppelten K. o. Das Einzige, worin Clay Liston schlagen kann, ist im Wörterbuchlesen."

Reimender Rowdy

So sahen sie Ali. Das Großmaul, die Lippe aus Louisville, der fröhlich reimte, wie er Liston das Licht ausknipsen werde, der nachts um drei vor Listons Haus in Denver mit einem Bus stand, auf dem zu lesen war "Der farbigste Kämpfer der Welt, Liston fällt in der achten Runde", der pöbelte. Der die Beatles traf und anschließend fragte, mit welchen "Weicheiern" er da gerade (Foto-)Geschichte geschrieben habe. Der beim Wiegen auf seine Jeansjacke "Bärenjagd" gestickt hatte und hysterisch herumschrie.

Was viele übersahen oder nicht sehen wollten: Ali war schon mit seinen 22 Jahren ein außergewöhnlich guter Boxer, Olympiasieger und Gewinner von 19 Profikämpfen, davon 15 vorzeitig. Er schwebte tatsächlich wie ein Schmetterling und stach wie eine Biene. Dennoch gestand Ali später ein, vor Liston Angst gehabt zu haben. Der hatte zwar vor nichts Angst, aber keinen Plan, wie er einen Verrückten boxen sollte.

Listons erster Schlag verfehlte Ali um einen halben Meter. Der Schmetterling schwebte, der Bär fing sich einen Stich nach dem anderen ein. Auch wenn Ali die fünfte Runde fast blind kämpfte, weil etwas in seinen Augen brannte, das auf Listons Handschuhen gewesen war, und er seinen Trainer Angelo Dundee anflehte, den Kampf zu beenden - am Sieg des Herausforderers bestanden schon lange keine Zweifel mehr. Die Schläge der sechsten Runde brachen Listons Willen.

Der frühe Tod

Auch wenn später eine lädierte Schulter als Grund für die Aufgabe angegeben wurde - der geschlagene Champ wollte einfach nicht mehr. Genug der Demütigung. 13 Monate später verlor er die Revanche nach Alis legendärem Phantomschlag in Runde eins. Ein halbes Jahr nach seinem letzten Fight, am 30. Dezember 1970, starb Liston mit 38 Jahren - vermutlich an einer Überdosis.

Ali, inzwischen 72 Jahre alt und wegen seiner Parkinson-Erkrankung des Sprechens kaum noch mächtig, feierte am 25. Februar 1964 die Erfüllung seines Lebenstraums überraschend leise - mit dem Bürgerrechtler Malcolm X, Footballstar Jim Brown und einem Vanilleeis - einem großen. (sid, lü, DER STANDARD, 25.02.2014)

  • Miami Beach, sechste Runde: Clay hat alles im Griff, der Champ gibt noch einmal, was er hat. Zu einer siebenten Runde lässt sich Liston nicht bewegen.
    foto: apa/dapd

    Miami Beach, sechste Runde: Clay hat alles im Griff, der Champ gibt noch einmal, was er hat. Zu einer siebenten Runde lässt sich Liston nicht bewegen.

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