Auf den Tonspuren maschineller Fantasien

24. Februar 2014, 17:17
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Der Wiener Pianist Gottlieb Wallisch über den komponierenden Exzentriker George Antheil

Wien - Jenen Berg des "normalen" Repertoires, auf dessen Gipfel Mozart, Haydn und Beethoven warten, besteigt Gottlieb Wallisch gerne. Bisweilen jedoch zieht es den Wiener Pianisten hinab in die Archive der Musikgeschichte, wo Spielmaterial nicht unbedingt auf der Konzerttagesordnung stehender Tonsetzer harrt.

Und fallweise wird der Suchende dann zum staunend Lachenden - wenn er etwa dem US-Komponisten George Antheil (1900-1959) begegnet. Nebst interessanter Musik hat dieser eine fantasievolle Autobiografie verfasst, in der etwa geschildert wird, wie Antheil versucht, für Komponist Ernst Krenek in Hollywood Türen zu öffnen. "Antheil geht also zum Filmproduzenten Samuel Goldwyn und erklärt ihm, Krenek sei der größte lebende Komponist überhaupt. Goldwyn jedoch kennt den Namen nicht, worauf Antheil Kreneks Oper Jonny spielt auf nennt, die Goldwyn allerdings auch nichts sagt."

Antheil erhöht darauf die Dosis. Er macht Krenek zum Komponisten der Dreigroschenoper und des Rosenkavaliers, was Goldwyn jedoch ebenfalls nicht beeindruckt ("Kenne ich nicht"). "Schließlich jedoch wird Krenek bei Antheil auch zum Komponisten der Traviata". Und die kannte Goldwyn. "Man möge ihm Krenek, diesen Verbrecher, bringen, forderte Goldwyn, schließlich habe er für drei lausige Minuten Traviata in seinem letzten Film ein Vermögen für die Rechte bezahlt."

Leben in Paris

Geschichten dieser Art wird im Wiener Musikverein Karl Markovics lesen; dazwischen präsentiert Wallisch Stücke des Amerikaners, der in den frühen 1930er-Jahren in Paris mit Picasso, Joyce, Hemingway und Igor Strawinsky zusammenkam und markant-provokante Musik schrieb. "Seine frühen Werke sind sehr collagenhaft und haben etwas Maschinelles. Bei vielen Stücken steht die Anweisung: ,so schnell wie möglich umsetzen'. Er hat einerseits also diese wilde, futuristische, maschinelle Linie in seinem Werk." Andererseits sei da aber auch "eine feine Klanglichkeit mit wunderbaren Harmonien, bitonalen Färbungen und impressionistischen Einflüssen. Natürlich war auch Strawinsky wichtig", erzählt Wallisch und kommt zurück zur Autobiografie.

"Darin schreibt er, Strawinsky in Berlin kennengelernt zu haben. Und man habe sich so gut verstanden, dass Strawinsky beschlossen hätte, wegen Antheil seinen Berlin-Aufenthalt um zwei Wochen zu verlängern! Man runzelt natürlich die Stirn - kann das überhaupt wahr sein? Es ist zumindest gut erfunden."

Übrigens, so Wallisch, sei es nicht so einfach gewesen, an das Notenmaterial heranzukommen. "Nicht einmal die Hälfte seiner Werke wurden verlegt; das meiste liegt in New York bei Schirmer. Man schreibt also dorthin, welche Werke man braucht. Dann geht jemand in den Keller, kopiert und bindet das Material und schickt es per Airmail - drei Wochen später hat man es."

Materialbeschaffung ist bei den Klassikern dann doch etwas leichter, denen sich Wallisch natürlich auch widmet: Unter anderem spielt er im Grazer Stefaniensaal Beethovens 3. Klavierkonzert (11. Mai), und er wirkt mit der Wiener Akademie bei Beethovens Tripelkonzert mit (21. Mai, Wiener Musikverein). Auch erscheint eine Haydn-CD, wobei die Studioarbeit Wallisch ob der Möglichkeit zu tüfteln liegt. "Oleg Maisenberg hat immer gesagt: ,Mikro an, Seele aus'. Mir geht es da anders."

Der Antheil-Abend im Musikverein, bei dem auch Geiger Vahid Khadem-Missagh mitwirkt, ist natürlich bunter strukturiert als ein obligates Konzert. Zwischen den Stücken wird gelesen, auch ein Filmausschnitt zu Antheils verrücktem Ballet mécanique wird gezeigt. Es gibt also Brüche. Womöglich auch für die Konzentration? "Nicht wirklich, es ist alles sehr gut verwoben. Das Problem ist nur, dass man selbst viel lachen muss, wenn Karl liest. Er wird regelrecht zu Antheil." (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 25.2.2014)

Wiener Musikverein, 5. März

  • Pianist Gottlieb Wallisch (Jahrgang 1978).
    foto: werzowa

    Pianist Gottlieb Wallisch (Jahrgang 1978).

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