Die hohe Kunst der Auslassung

25. Februar 2014, 05:30
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Neneh Cherry wurde in den 1980ern mit Hits wie "Manchild" bekannt. Nach längerer Auszeit und einem Ausflug in den Jazz kehrt sie jetzt mit sperrigem Dancefloor zurück: "Blank Project"

Wien - Ungemütlich im Keller rumorender Bass, generiert aus Loopstations und diversen Effektgeräten, die auf einen Küchentisch passen. Sehr gern darf das Ganze auch zwischendurch brutal verzerrt sein. Verschleppte Schlagzeug-Schlaufen aus der Schule paranoider Kifferbeat-Produzenten. Manchmal quält sich einer der zwei Musiker dafür auch müde hinter ein echtes Drum-Set. Dazu werden gegen den Strich programmierte Perkussionseffekte und jazziges Geklöppel außerhalb der Wohlfühlzone abgerufen. Jetzt quäkt ein nicht allzu enthusiastisch programmiertes Keyboard. Der Rest muss von der Stimme der Sängerin leben, die 2014 einstigen jugendlichen Sturm und Drang mit zurückgelehntem Wissen um die Kunst der Auslassung verbindet. Weniger ist mehr. Mehr wäre bei dieser noch immer kindlichen Stimme vielleicht auch gar nicht drin.

Das Comeback Neneh Cherrys hat nichts damit zu tun, dass die schwedische Sängerin, die am 10. März 50 Jahre alt werden wird, nichts vorzuweisen hätte. Sie mag nach einer veritablen Weltkarriere und entsprechendem finanziellem Polster bloß keine Erwartungen mehr erfüllen, die auf Wiederholungen hinauslaufen würden.

Neneh Cherry wurde als singender Teenager bei der legendären britischen Freistil- und Punk-Jazz-Band Rip, Rig + Panic bekannt. Mit ihren späteren Solohits Buffalo Stance (1988), Manchild (1989) oder 7 Seconds mit Youssou N'Dour (1994) und Woman (1996) verschränkte sie früh Hip-Hop-Kultur und Hochglanz-Pop. Danach wurde es allerdings zunehmend ruhig um sie. Mehr als eineinhalb Jahrzehnte sind seit der letzten Veröffentlichung eigenen Materials vergangen. Zuletzt begeisterte die Stieftochter des US-Jazzmusikers Don Cherry mit ihrem Projekt The Cherry Thing.

Auf dem dazugehörigen gleichnamigen Album interpretierte sie gemeinsam mit den skandinavischen Free-Jazz-Trio The Thing (Mats Gustafsson, Ingebrigt Haker Flaten, Paal Nilssen-Love) brutal lyrisch wie feinfühlig amoklaufend klassisches Material wie Suicides Dream Baby Dream, Dirt von Iggy Pop & The Stooges, Golden Heart von Vater Don Cherry oder Ornette Colemans What Reason Could I Give. Nachdem aber am Ende einer Europatournee alle davon etwas hatten, außer - aufgrund diverser kolportierter Missverständnisse - die Begleitmusiker, musste sich Neneh Cherry nach Ersatz umsehen.

Wollen wir Neneh Cherry nicht weiterhin böse sein, weil böse ja bekanntlich im Musikgeschäft immer nur die Manager sind und die Musiker keine Ahnung von nichts haben: Ihre Ende dieser Woche veröffentlichte neueste Kollaboration mit dem hochgeachteten wie kauzigen britischen Stolperbeat- und Elektronikproduzenten Kieran Hebden alias Four Tet sowie dem Londoner Brüderpaar Ben und Tom Page alias RocketNumberNine unter dem Signet Blank Project ist erstklassig.

Atmosphärisch dicht

RocketNumberNine destillierten ihre Musik gemeinsam mit Neneh Cherry an fünf Tagen live im Studio aus freien Improvisationen, Four Tet schnipselte mit der elektronischen Schere die losen Enden weg. "Blank" meint nicht frei von Ideen, sondern frei von Vorgaben. Dennoch ist mit den das Thema Song frei bearbeitenden Stücken auf Blank Project eine atmosphärisch dichte Arbeit entstanden, die nach anfänglichem Schock auch mit Neneh Cherry älter gewordene Fans ihrer Hochzeit im Pop überzeugen sollte.

Das Lied Out Of The Black wartet gegen Ende als Rettungsanker für die eilige Laufkundschaft nicht nur mit einer gewissen Eingängigkeit und Melodiosität auf, sondern auch mit einem Duett mit dem ehemaligen schwedischen Kinder- und Teenie-Popstar Robyn aus den 1990er-Jahren. Auch diese Frau hat einen weiten Weg vom Abzählreim mit Beat-Unterstützung zu den zuletzt gemeinsam mit dem schwedischen Elektronikduo The Knife erarbeiteten Schritten Richtung Dunkelheit hinter sich. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 25.2.2014)

  • Der ehemalige schwedische Pop-Superstar Neneh Cherry (49) hier bei einem Auftritt 2013: Gemeinsam mit dem britischen Elektronikproduzenten Four Tet entdeckt sie den Reiz des Minimalismus. Ihr Comeback-Album "Blank Project" klingt rhythmisch archaisch wie hypermodern.
    foto: apa/epa/javier etxezarreta

    Der ehemalige schwedische Pop-Superstar Neneh Cherry (49) hier bei einem Auftritt 2013: Gemeinsam mit dem britischen Elektronikproduzenten Four Tet entdeckt sie den Reiz des Minimalismus. Ihr Comeback-Album "Blank Project" klingt rhythmisch archaisch wie hypermodern.

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