"Man kann es gar nicht schlecht machen"

24. Februar 2014, 16:03
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Mädchen und Frauen, die Misshandlung und sexuellen Missbrauch erlebt haben, bekommen in der Beratungsstelle "Tamar" Unterstützung

Von außen wirkt es wie ein recht unscheinbares Wohnhaus, wie so viele andere im 20. Wiener Gemeindebezirk. Drinnen dominieren Farben: Es gibt ein "rotes" und ein "blaues" Zimmer, und in allen Räumen sorgen große Topfpflanzen in sattem Grün für eine freundliche und angenehme Atmosphäre. Das ist auch wichtig, denn die Themen, die in den Räumlichkeiten der Beratungsstelle "Tamar" besprochen werden, sind alles andere als angenehm. "Tamar" ist eine Anlaufstelle für  Mädchen und Frauen, die Misshandlung und sexuellen Missbrauch erlebt haben. "Tamar" – so hieß die Tochter des Königs David im Alten Testament. Sie wurde von ihrem Halbbruder vergewaltigt und anschließend aus dem Haus geworfen.

Wege zur Anlaufstelle

Hauptsächlich sind es drei Wege, über die betroffene Mädchen und Frauen zu "Tamar" kommen, erklärt Verena Weißenböck, Psychologin und Psychotherapeutin: "Viele finden uns einfach im Internet, manchmal bekommen Opfer von Gewalt unsere Folder von der Polizei ausgehändigt, und in einigen Fällen erfolgt die Zuweisung über das Jugendamt."

Beratung und Prozessbegleitung

Die Klientinnen erhalten bei "Tamar" psychosoziale Unterstützung in Form von psychologischen Beratungsgesprächen. Dieser Bereich wird von sieben Beraterinnen abgedeckt.

Darüberhinaus bietet "Tamar" auch Prozessbegleitung an. Verena Weißenböck erklärt, was man sich darunter vorstellen kann: "Wir beauftragen eine Anwältin, die Interessen der Klientin vor Gericht zu vertreten. Dabei arbeiten wir mit Anwältinnen zusammen, die sich mit dem Thema Gewalt und sexueller Missbrauch gut auskennen. Wir beraten die Klientin vor einer Gerichtsverhandlung und begleiten sie auch zum Gericht."

Prozessbegleitung als "Übersetzungsprozess"

Im Rahmen der Prozessbegleitung bilden die Beraterinnen eine Brücke zwischen der jeweiligen Klientin und der Justiz. Beispielsweise "übersetzt" die Beraterin gewissermaßen für die Klientin Briefe mit rechtlichem Inhalt, erklärt also in verstFändlichen Worten, was in einem juristischen Schriftstück steht und was das für die Klientin konkret bedeutet. Für Kinder und Jugendliche gibt es sogar ein Bilderbuch: "Milli ist beim Gericht" erklärt mit Illustrationen und in einfachen Worten, wie ein Termin im Straflandesgericht Wien abläuft.

Verena Weißenböck erklärt: "Das Gericht ist eine eigene Welt mit einer eigenen Fachsprache. Am Anfang habe ich es selbst als eine kühle Institution erlebt. Ich komme ja von der Psychologie, wo es hauptsächlich um Gefühle geht, bei Gericht geht es aber ganz klar um Fakten. Es geht darum herauszufinden, was genau passiert ist. Bei einer psychisch stark belasteten Person kann da schnell ein Misstrauen entstehen, es kann sich das Gefühl einstellen ‚da wird mir nicht geglaubt’." Deshalb sei es besonders für junge Mädchen, die noch wenig Erfahrung mit Behörden haben, wichtig, entsprechend vorbereitet zu sein, damit die auf Wahrheitsfindung basierte Arbeitsweise des Gerichts nicht persönlich genommen und als Misstrauen erlebt wird.

Unangenehmer Termin

Der Tag bei Gericht ist für die meisten Frauen ein sehr unangenehmer Termin, den man gerne hinter sich bringen möchte. Die Anwesenheit der Beraterin kann beruhigend wirken. Vor Gericht eine Aussage zu machen erfordert von den Klientinnen, sich so genau wie möglich an den sexuellen Missbrauch zu erinnern. Keine leichte Aufgabe, weiß Verena Weißenböck: "Man erinnert sich selten ganz genau an etwas, das länger zurückliegt. Bei Unsicherheit empfehlen wir immer, einfach zu sagen ‚ich weiß es nicht mehr’. Nach meiner Erfahrung macht das die Menschen nicht unglaubwürdiger. Man kann es gar nicht ‚schlecht’ machen, denn das Gericht hat ja auch Unterlagen, und die Richterin fragt nach, um den Sachverhalt zu klären."

Für manche sei es nach dem aufwühlenden Gerichtstermin sehr schwer, sich wieder zu beruhigen: "Deshalb ist es gut, wenn man sich schon vorher gemeinsam mit der Beraterin Gedanken darüber macht, was man nachher tun kann", ist Weißenböck überzeugt.

Emanzipatorisches Potenzial

Verena Weißenböck, die selbst auch eine kleine therapeutische Privatpraxis betreibt, schätzt es ganz besonders, in der Beratungsstelle mit Menschen zu arbeiten, für die eine Therapie von ihrem Umfeld her alles andere als naheliegend ist: "Hier haben wir es oft mit Menschen zu tun, die vor dem Missbrauch nie daran gedacht hätten, eine Psychotherapie zu machen, weil sie eben nicht aus einem Milieu kommen, wo es gang und gäbe ist, dass man dafür bezahlt, um mit einem Psychotherapeuten über sich selbst zu sprechen. In der Beratungsstelle lernen manche Klientinnen zum ersten Mal, über sich selbst zu reden, und das hat durchaus auch einen emanzipatorischen Aspekt." Wenn die Klientinnen nicht ausreichend Deutsch sprechen, werden Dolmetscher hinzugezogen. "Aber selbst wenn beide Deutsch sprechen, muss man eine gemeinsame Sprache finden", fügt sie hinzu. (Mascha Dabić, 24.2.2014, daStandard.at)

  • Die Psychologin und Psychotherapeutin Verena Weißenböck arbeitet als Beraterin bei "Tamar".
    foto: mascha dabić

    Die Psychologin und Psychotherapeutin Verena Weißenböck arbeitet als Beraterin bei "Tamar".

  • Das Bilderbuch "Milli ist beim Gericht" erklärt mit Illustrationen und in einfachen Worten, wie ein Termin im Straflandesgericht Wien abläuft.
    foto: mascha dabić

    Das Bilderbuch "Milli ist beim Gericht" erklärt mit Illustrationen und in einfachen Worten, wie ein Termin im Straflandesgericht Wien abläuft.

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