Kindergartenkommunismus

Glosse25. Februar 2014, 05:30
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Eine alleinerziehende Mutter aus meinem Freundeskreis ist über den Kindergarten verärgert. Allerdings nicht über die Tanten und Onkel, die unterbezahlt sind und ihren Job trotzdem bestens machen, sondern über die dumme Software, die dieser alte Wiener Privatkindergarten zur Verrechnung der Beiträge verwendet

Die andere Quelle des Ärgers der Alleinerzieherin ist ein merkwürdiges Verständnis von Kundenkommunikation. Eine kurze Recherche offenbart, dass Absurdistan nie weiter weg ist als schon um die nächste Ecke.

Gott vergibt, Software nicht

Manchmal sind die Wege eines Einziehungsauftrages unergründlich. So geschieht es, dass trotz positiven Kontostands und aktiven Auftrags der Kindergartenbeitrag der gestressten Alleinmama statt in der Verwaltung des Kindergartens im Datennirwana landet. Worauf die Software zur Verrechnung unerbittlich das Urteil fällt: Drei-Monate-Zahlschein, ohne Anhörung, ohne Bewährung!

Und ohne Möglichkeit, dies vor Ablauf der Frist zu ändern, falls jemand, wie diese Mutter, unverschuldet zum Handkuss kommt. Diesen Teil verdaut meine Bekannte noch irgendwie. Dumme Software ist, wie dumme Softwareentwickler, nun mal unausrottbar. Der unverdaubare Teil kommt am Ende eines kurzen Telefonates mit der Verwaltung, als die Dame vom Kindergarten folgenden Satz formuliert: "Wann haben Sie vor, das zu Zahlen?"

Dieses Wording bei Zahlungsverzug ist bei einem Kredithai als geschäftsüblich anzusehen. Bei Dienstleistern, die Geld sowohl vom Steuerzahler als auch von ihren Kunden bekommen, ist dieses Wording nicht als geschäftsüblich anzusehen - sondern als unhöflich. So denkt die alleinerziehende Mutter, und so denke auch ich. Aber es ist alles ganz anders.

Sag mir, wo die Blumen sind

Ein sehr netter Herr aus der Verwaltung erklärt mir sehr höflich und in sehr metaphorisch gehaltenem Wording einige Tatsachen des Lebens, die mir entgangen sind. Wofür ich ihm ehrlich dankbar bin. Wenn man die Metaphern, die der nette Herr verwendet, richtig entschlüsselt, ist alles sonnenklar - und stinknormal!

Die Gewinnspanne im Privatkindergarten-Business ist schmal. Deswegen hat man billige, dumme Software, die (im Grunde basisdemokratisch) alle in Verzug geratenen Kunden mit Zahlschein auf drei Monate bestraft, einen Knopf für Ausnahmen gibt es nicht. Und weil die Gesetzeslage die Kunden zutreibt, muss man nicht besonders höflich mit ihnen umgehen. Zumal der Wechsel eines Kindergartens mühsam und langwierig ist, fürchtet man auch keine ernsthaften Beschwerden über Mangel an Respekt und grundlegender Höflichkeit im Umgang mit den Kunden. Oder den Schwund von unzufriedenen Kunden. Aha ...

Ein Anruf bei der Magistratsabteilung 11, zuständig für die Kontrolle privater Kindergärten, ergibt, dass man mit einem privaten Kindergarten auch einen Privatvertrag abschließt und dass, wenn bloß die Software dumm und das Personal unhöflich ist, man sich privat organisieren müsse, weil diese Art von Missstand nicht in die Zuständigkeit der Behörde fällt. Aha ...

Juckreiz nicht ausgeschlossen

So hat eine gute soziale Gesetzgebung doch noch unerwartete Nebenwirkungen. Es gibt aber andere. Eine andere Mutter bringt ihr Kind mit heftigem Hautausschlag zum Kinderarzt. Diagnose: typischer Stressausschlag. Die Quelle des kindlichen Stresses ist der häufige Wechsel der Tanten in ihrem Kindergarten. Das weiß der Arzt, weil diese Mutter nicht die einzige ist, deren Kind in diesen Kindergarten geht und mit Ausschlag zu ihm gebracht wird.

Dann sagt mir die Mutter, eine der Kindergartentanten hätte ihr nach ihrer Kündigung anvertraut, sie sei gedrängt worden, zeitweilig "schwarz" zu arbeiten. Weil kaum jemand bereit ist, darauf einzugehen, und weil diese "Suggestionen" zeugenlos erfolgen, kündigt in diesem Kindergarten alle paar Wochen still und leise praktisch die gesamte Belegschaft. Neue Tanten und Onkel kommen und kündigen bald schweigend. Und immer so weiter.

Vielleicht übertreiben diese Mütter, vielleicht irrt sich der Arzt, vielleicht lügt die ehemalige Tante. Und vielleicht haben die lieben Kleinen nur alle miteinander kratzige Pullover. Doch weil anders als bei Maurern und Elektrikern, deren Personalfluktuation und sogar Schwarzarbeit keine juckenden Hautausschläge an unseren Kindern auslöst, gestehe ich den Müttern, dem Arzt und der Ex-Tante zu, bar jeder Erwartung von Gewinnmaximierung, die Schwarzarbeit erzeugt, zu sein. Und kratzige Pullover gibt's heutzutage gar nicht mehr.

Das Gute, Wahre und Schöne

Sind wir nun Zwangsbeglückte? Ist das Zwangsglück nach hinten losgegangen? Keineswegs! Die Idee, jedem Kind auch einen Kindergartenplatz zu garantieren, ist super! Wie das meiste an dieser Republik. Was noch nicht stimmt, ist das Fein-Tuning. Auch wenn einem das Gesetz die Kunden zutreibt, steht am anderen Ende dieser Zuleitung ein Mensch/Kunde. Jemand wie eine Mutter, die trotz Arbeit gerade mal über die Runden kommt und mit den gesetzlichen Pflegetagen nicht wirklich auskommt, weil sich Kinderkrankheiten manchmal nicht an ihre statistische Dauer halten.

Dieser Jemand verdient höflichen Umgang schon deswegen, weil er fremden Menschen sein Kind Tag für Tag anvertraut. Dieses Vertrauen zu rechtfertigen kann mit strafender Software und Wurschtigkeit nicht gelingen. Auch nicht, wenn "Insider" schweigen und leise den Arbeitsplatz wechseln. Und auch nicht, wenn die Eltern keine Energie finden, sich privat zu organisieren. Ja, es ist auch eine Portion Eigeninitiative vonnöten! Die nette Dame von der MA 11 hat da völlig recht. Das Fein-Tuning müssen wir uns selbst machen.

Tante Mimi ist spitze!

Die gute Nachricht ist, dass die Alleinerzieherin vom Anfang des Textes, trotz dummer Software und unhöflicher Verwaltungstrolle, von der Arbeit der Onkel und Tanten beeindruckt ist. Wenn der Kleine mal absolut nicht im Kindergarten bleiben will, überzeugt ihn Tante Mimi in wenigen Sekunden vom Gegenteil. Genauso weiß sie, was zu tun und zu sagen ist, wenn der Kleine nicht aus dem Kindergarten will.

Tante Mimi weiß noch viel mehr, hilft noch viel mehr und macht noch viel mehr, als ihre Gehaltsabrechnung jemals wettmachen kann. Ein Teil des Fein-Tunings sollte auch sein, dass sich das ändert. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 25.2.2014)

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