Prozess in Wien: Freiheitsentziehung statt Toskanatörn

24. Februar 2014, 17:53
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Ein Wiener Anwalt soll seine Gattin gestalkt und die beiden Söhne fünf Stunden eingesperrt haben, um sie dem Jugendamt zu entziehen. Er echauffiert sich über die Anklage

Wien – Unter normalen Umständen hätten die beiden Buben wohl ein sorgenfreies Leben: der Vater Wirtschaftsanwalt, die Mutter Geschäftsführerin, eine sehr große Wohnung in einem guten Wiener Viertel, eine Privatschule.

Doch die Umstände sind nicht normal: Im Zuge eines offensichtlichen Rosenkrieges sitzt der Vater nun wegen Stalkings und Freiheitsentziehung vor Richterin Claudia Moravec-Loidolt. Er soll nicht nur seine Frau nach der Trennung verfolgt, sondern in einem Fall seine Kinder eingesperrt haben, um sie dem Zugriff des Jugendamtes zu entziehen.

Er sieht sich als Opfer. Sein einziger Wunsch sei, Kontakt mit den Kindern zu halten, aber "alle Zeugen sind mit falschen Angaben meiner Gattin manipuliert worden. Das ist eine breit angelegte Manipulation". Seine Frau habe ihm 2012 aus finanziellen Gründen die Behörden auf den Hals gehetzt, ist er überzeugt.

Angeklagter auf dem Verteidigerplatz

Juristen vor Gericht sind wohl so wie Ärzte als Patienten. Mühsam. Angeklagter G. sitzt mit Aktenordnern und Laptop vor der Richterin, nach seiner Vernehmung setzt er sich nicht auf der Anklagebank, sondern auf den Platz des Verteidigers. Da er sich selbst vertritt und Platz für seine Unterlagen braucht.

Darüber hinaus treibt er Moravec-Loidolt die Zornesfalten auf die Stirn, da er sie immer wieder unterbricht, Fragen nicht beantwortet, Zeugen barsch angeht. Die Schriftführerin wiederum treibt er in den Wahnsinn, da er ständig am Knopf seines Kugelschreibers herumdrückt.

Andererseits wird er von Zeuginnen und Zeugen als höflich und zuvorkommend beschrieben, zumindest, als die ihn kennenlernten. In einem Haus, von dem aus er die Wohnung beobachten konnte, in der seine Kinder mit ihrer Mutter leben. Nur: Dort gab er sich als Architekt und Makler aus und kam so in zwei Fällen in fremde Wohnungen, aus denen man einen besseren Blick auf das "Zielobjekt" hatte, wie die Anrainer berichten.

Wörthersee als Plan B

Wirklich emotional wird es, als es um die Freiheitsentziehung geht. Die soll im Juli 2012 in seiner Wohnung in der Innenstadt passiert sein. "Ich hatte das Ferienbesuchsrecht und die Kinder waren bei mir", beginnt der Angeklagte. Ursprünglich sei an diesem Tag der Aufbruch zu einem Segeltörn an der Toskanaküste geplant gewesen, der Flug nach Rom war schon gebucht. "Aber meine Gattin hatte die Pässe der Buben, Plan B war eine Fahrt nach Kärnten, wo ein Freund ein Haus am Wörthersee hat."

Blöderweise standen um 8 Uhr morgens Jugendamt und Polizei vor der Tür. Laut G., da die Frau einen Sohn beauftragt habe, in der Wohnung nach Reiseunterlagen zu suchen. Dort fand sich neben dem Rom-Ticket auch ein Ausdruck über eine Flugroute auf die russische Halbinsel Kamtschatka. "Aber das war nur für mich als Plan C, nicht für die Kinder."

Die Frau war dennoch alarmiert. Als die Beamten kamen, öffnete G. die Tür nicht. Er bot an, die Kinder über ein Fenster sprechen zu lassen, da er Angst hatte, sein Nachwuchs würde ihm weggenommen, wie er sagt. Das wollte das Paar vom Jugendamt nicht, schlussendlich kommunizierte man über beim Fenster hochgehaltene handgeschriebene Zettel.

"Du sperrst uns hier ein"

Dabei seien die Kinder manipuliert worden, sagt G., der die Wörter "ich" und "mein" immer besonders betont. Dass ein Sohn gesagt habe: "Papa, das ist ja wie ein Gefängnis, Du sperrst uns hier ein", wie einer der Beamten durch die Tür gehört haben will, bestreitet der Angeklagte. Nach etwa fünf Stunden konnte der Bub die Tür schließlich öffnen und kam heraus.

Es wird auf April vertagt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 25.02.2014)

  • Das Jugendamt torperdierte den Segelurlaub.
 
    foto: dpa/michael zieschang

    Das Jugendamt torperdierte den Segelurlaub.

     

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