Janukowitschs Garage: Der Fuhrpark des Potentaten

Analyse24. Februar 2014, 15:26
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Der ukrainische Ex-Präsident zeigte nicht ganz freiwillig seine Auto-Sammlung her. Zu sehen gibt es sowjetisches Barock

Spätestens seit dem Sturz von Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi gehört die öffentliche post-revolutionäre Garagen-Besichtigung beim Ex-Machthaber zum beliebten Brauchtum. Vergangenes Wochenende erwischte es den ehemaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, dessen nahe Kiew gelegenes Anwesen Ziel eines spontanen Tags der Offenen Tür wurde.

Und das Volk staunte nicht schlecht angesichts der beeindruckenden Geschmacklosigkeiten, mit denen der Autokrat sein Domizil ausgestattet hat. Abseits der Erkenntnis, dass unter Problem-Potentaten offenbar genau eine Ausgabe eines Brutalo-Trash-Einrichtungskatalogs kursiert, zeigten die via Twitter ausgesendeten Bildchen von Janukowitschs Großgarage einen nachgerade bescheidenen Fuhrpark.

Keine Stretch-Benzen. Kein Ferraris im Blattgold-Trimm. Keine Raffleder-Oasen. Stattdessen holte sich der Ex-Präsident mit dem Apparatschik-Appeal die klassischen Vertreter des automobilen Sowjet-Barocks ins Haus.

In Reih und Glied versammelt sind hier große Repräsentationskanten von ZIL, Ex-Funktionsärslimousinen von GAZ sowie des Proletariers Traum, basisorienterte Moskwitschs. Garagen-Dominator ist zweifelsohne ein ZIL-410441, die Cabrio-Version der ZIL-4104-Serie, die ab Ende der 1970er in verschiedenen Radständen und mit unterschiedlichen Aufbauten der Führungselite vorbehalten blieb. Vor allem Generäle griffen bei diversen Nuklearwaffen-Paraden zum offenen ZIL mit dem 7,7-Liter-V8-Motor.

Neben dem Cabrio parkt bei Janukowitsch gleich eine ZIL-Limousine, weiters sind einige GAZ M20 bzw. M21 erkennbar. Die Ponton-Limousine, deren Auftritt sich ab Ende der 1940er eindeutig an US-amerikanischen Vorbildern orientierte, stieg in den 1950ern zu einem Symbol des Wiederaufbaus (und des nahen Triumphs des Bolschewismus über den kapitalistischen Klassenfeind) auf.

Eine ZIL-Limousine bei einer Oldtimer-Messe in Moskau. (Foto: AP/Japaridze)

Im Volk war die Limousine als "Pobeda" ("Sieg") bekannt, für den gemeinen Komsomolzen blieb der bis 1958 gebaute Wagen dennoch ein Feuchttraum. Auch dieses Modell wurde verlässlich braven Funktionären zugeteilt. Eine Etage höher ist die ebenfalls ausgestellte Luxus-Limousine "Tschaika" angesiedelt. Die "Möwe" folgte in ihrer barocken Opulenz amerikanischen Vorbildern und lief als GAZ-13 in Gorki vom Band.

ZIL-Sowjet-Riegel sind in Russland noch immer im Einsatz. (Foto: Reuters/Yushko)

Mit seinen offensichtlich top-gepflegten Preziosen machte sich Wiktor Janukowitsch nicht nur selbst eine Freude – sondern gefiel damit auch seinem Genossen im Geiste, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der pflegte bei unzähligen Fototerminen mit sowjetischer Retro-Ware durch die Straßen Moskaus zu zuckeln, der Rekurs auf die vermeintliche Hochblüte der sowjetischen Autobaus kam und kommt vor allem bei diversen Oligarchen und anderen russischen Neureichen an.

Russland (Medwedew) und Ukraine (Janukowitsch), zwei Pobedas. (Foto: AP/Rodionov)

Die machten sich in den vergangenen Jahren einen Jux daraus, altehrwürdigen Bonzen-Limousinen moderne Hochleistungstechnik unterzujubeln. In der elitären Custom-Szene sind vor allem Pobeda-Umbauten beliebt, in deren Inneren sich Porsche Cayennes und BMW M-Geräte austoben. Der ukrainische Ex-Präsident erweist sich mit seinem Fuhrpark also als aufmerksamer Adept des feudalrussischen Automobilismus.


Das dicke Ding für den Alltag: GMC Savana Explorer. (Symbolbild, Foto: GMC)

Bei seinem Day-to-Day-Car scherte Janukowitsch ebenfalls aus geläufigen Autokraten-Gewohnheiten aus. Während seine Regierungsmannschaft mit allerlei Edel-Geräten auffiel (Maserati, Porsche, Rolls-Royce!) gönnte sich der geschasste Präsident einen vergleichsweise dezenten US-Minivan, einen sandfarbenen GMC Savana Explorer Limited SE. Wobei "dezent" im konkreten Fall im Auge des Betrachters liegt: Der Ami lief für den Präsidenten in der absoluten Highend-Version auf. Leder, Entertainment, Schlafgestühl, Edelhölzer – ein fahrendes Penthouse hatte sich der Ober-Ukrainer da im Jahr 2006 anfertigen lassen. Gesamtwert: kolportierte 190.000 Euro.

Preisregionen, in denen sich der jüngste Sohn des Ex-Präsidenten, Wiktor Wiktorowytsch, mit großer Geläufigkeit bewegt. Der passionierte Rennfahrer, dessen Hauptqualifikation nicht zuletzt darin besteht, Präsident des ukrainischen Motorsportverbands zu sein, hatte mittlerweile auch sein unfreiwilliges Garagen-Outing: Unter den Abdeckplanen harrte ein Top-of-the-Pops diverser Autosalons der vergangenen Jahre: Mercedes SLS, Brabus-Verschnitte, G-Klasse AMG, ein Bentley Brooklands sowie ein Range Rover Sport. Als obskures Highlight der Strip-Show geht ein Conquest Knight XV in die Geschichte der Ukraine ein.

Der vulgär-martialische Extrem-Offroader (Neupreis: 440.000 Euro in der Basisversion) bietet in Sachen Luxus und Sicherheit alles, um den Alltag angenehm zu gestalten. Im konkreten Fall eine Schutzpanzerung gegen allerlei Explosivstoffe und ein Abwehrsystem gegen Gasangriffe. Wiktor Junior hatte offenbar eine gewisse Vorahnung. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 24.2.2014)

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