Olympia: Undankbares Österreich

Leserkommentar24. Februar 2014, 11:31
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Über den fehlenden Aufschrei der Öffentlichkeit über Aussagen der österreichischen Sportfunktionäre in Sotschi

Es war 1988, als sich die Gemüter von Medien, Politik und Bevölkerung wochenlang über einen Theaterskandal in Österreich erregten. Bei der Uraufführung des Theaterstücks "Heldenplatz" entrüstete sich die Öffentlichkeit über die Tatsache (Zitat) "dass eine grobe Beschimpfung Österreichs auch noch mit Steuergeldern finanziert wird". Heute, 26 Jahre später, spielt sich abseits von Jubel um Gold, Silber und Bronze in Sotchi ein Provinz-Possentheater ab - in den Hauptrollen Österreichs führende Sportfunktionäre. Doch der öffentliche, politische als auch mediale Aufschrei bleibt aus.

SportlerInnen als Olympia Touristen

Man fühlte sich zurückerinnert an den Skandalsager des damaligen Sportministers Darabos bei der Sommer-Olympia in London (Österreichs SportlerInnen seien quasi nur Olympia-Touristen) als der mächtige ÖSV-Präsident Schröcksnadel Mitte letzter Woche – und somit noch vor Ende der Olympischen Spiele – zu einer Abrechnung in einer österreichischen Zeitung ausholte. Er polterte über seine "Enttäuschung mit Trendsportarten Skicross und Snowboard", sprach in dem Zusammenhang von "Gaudi-Partie" und davon "dass man Sportförderung für Randsportarten überdenken müsse".

Öffentlicher Aufschrei bleibt aus

Mit am Podium bei besagtem Interview im Austria Haus in Sotchi waren ÖOC-Präsident Stoss und ÖOC-Generalsekretär Mennel und ließen ihn gewähren. Ebenso gab es keinen Aufschrei von Medien, Öffentlichkeit und Politik, auch wenn es – analog zu 1988 –ebenfalls als "Beschimpfung Österreichs und der rot-weiss-rot-Sportler durch Steuergelder finanziert" gesehen werden könnte.

Aber niemand kritisierte den mächtigen Sportfunktionär Schröcksnadl, der noch dazu vom Ex-Sportminister mit 20 Millionen Euro Steuergeldern ausgestattet zum Olympia-Koordinator 2016 ernannt wurde. Und spätestens als zwei Tage darauf, die als "Gaudi-Partie" gescholtenen SnowboarderInnen Gold und Bronze holten, war alles wieder österreichische Eitel-Wonne.

Sportförderung nur bei Medaillen?

Herr Schröcksnadel darf also weiterhin laut über die Prioritätensetzung der Sportförderung philosophieren. Jene Förderung, die heute bereits Großteils in Skirenn- und Skiflugsport sowie Fußball fließt (jener Fußball übrigens, der sich mit großer Regelmäßigkeit nicht für Olympia qualifiziert). Aber ist die Sportförderung nur da, um Medaillen zu produzieren? Oder sollte es nicht gerade in sogenannte Randsportarten fließen, die immer noch vielfach von medialer Aufmerksamkeit und somit Sponsorgeldern ausgeschlossen sind?

Gesellschaftlicher Nutzen des Breitensports

Dabei wäre die Förderung von Breitensport wichtiger den je. Man bedanke exemplarisch Stichworte wie "mehr Bewegung statt Computerspiele bei Kindern und Jugendlichen" oder "Erlernen von Teamgeist und Toleranz– gerade auch in multi-ethnischen Sportteams". Es ist schlimm genug, wenn viele Sportarten über die fehlende Infrastruktur klagen und die österreichischen SportlerInnen im Ausland trainieren müssen, da es keine geeigneten Sportstätten oder Trainingsbedingungen gibt.

Da muss man ihnen nicht noch mit der Kürzung der bereits spärlichen Fördermittel drohen oder sie gar öffentlich diskreditieren. Das Ziel der Sportförderung müsste es doch sein, dass es in allen Sportarten – von Leichtathletik über Judo bis eben Snowboarden oder Eiskunstlauf – erfolgreiche SportlerInnen und somit nötige Vorbilder und "HeldInnen" zu ermöglichen und zu fördern.

Siegerphotos und Bundeshymne

Dabei liegt es nicht rein am knappen Geld – es liegt an der gerechten Verteilung der Mittel, am Aufbau geeigneter Strukturen und Trainingsmöglichkeiten, am ehrlichen Willen der Sportfunktionäre und vor allem daran, dass wir anfangen Stolz auf die Leistungen all unserer SportlerInnen zu sein.

Auch über achte oder fünfzehnte Plätze. Für viele Sportarten wird es nämlich ein langer und steiniger Weg von "fast null" bis zur Olympia-Medaille und diese Zeit muss man ihnen in Ruhe zugestehen. Sonst ist es den SporterInnen nicht zu verdenken, wenn sie beim singen der Bundeshymne denken "Heimat großer Töchter und Söhne - Volk, begnadet für das Schöne – undankbares Österreich!" (Leserkommentar, Frank Breuß, derStandard.at, 24.2.2014)

Frank Breuß (37) lebt in Wien und ist Consultant für Verkauf und Marketing.

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