Das Bildungssystem tritt zur Prüfung an

Analyse24. Februar 2014, 10:33
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Die Grundidee wird von vielen Maturanten begrüßt, über einzelne Punkte in der Umsetzung herrscht Unmut

Semesterferien, endlich wieder Ski fahren und zusammen mit alten und neuen Gesichtern in der Almhütte beisammensitzen. Eigentlich passt alles, aber so richtig ins Gespräch kommen wir irgendwie doch nicht. Bis das Zauberwort fällt und jeder etwas zu sagen hat: die Zentralmatura.

"Wieso darf ich bei all meinen Englisch-Hausübungen ein Wörterbuch verwenden, aber ausgerechnet bei der Matura nicht?", wundert sich Matthias aus Niederösterreich. Die anderen in der Runde schauen ratlos, niemand weiß darauf eine plausible Antwort. Im Laufe der Diskussion stellen wir fest: Es gibt viele Detailfragen, über die wir unzureichend informiert sind.

Hysterieanflüge unter Maturanten sind so vorhersehbar wie die Euphorie in den Sommerferien. Da aber die Zentralmatura tatsächlich etwas grundsätzlich Neues ist, gleichzeitig die Informationspolitik an den Schulen die allgemeine Verunsicherung eher noch verstärkt, sollten wir einmal die Lage sondieren: Die Grundidee der Zentralmatura wird wohl von den meisten Schülern als überfällig akzeptiert. Die Bewertung der Maturaleistungen soll weg von der individuellen Kompetenz des Lehrers auf eine objektive und vergleichbare Basis gestellt werden. Österreich zeigte sich diesbezüglich erstaunlich änderungsresistent, schließlich maturieren die Schüler heuer immer noch mehr oder weniger nach dem gleichen Schema wie ihre Eltern. Dabei gibt es bis auf wenige Ausnahmen bereits in jedem EU-Land einheitliche Reifeprüfungen.

Ab 2015 soll nun mehr grundlegendes Verstehen getestet werden statt eingepaukten Detailwissens - "kompetenzorientiert" heißt das. Klingt gut, aber der Teufel steckt im Detail: Mathematikschularbeiten sind nun zweigeteilt. Teil eins fragt "kompetenzorientiert" grundlegendes Verständnis ab. Teil zwei umfasst wie bisher praktische Fallbeispiele. Nur: Wenn ich in Teil eins die Zweidrittelhürde nicht schaffe, werde ich automatisch negativ beurteilt, selbst wenn ich im zweiten Teil die volle Punktezahl erreichen würde und damit im alten Bewertungssystem einen guten Dreier bekäme.

Dann wäre da noch die drastische Kürzung der Vorbereitungsstunden für die mündliche Prüfung. Bislang standen jeder Abschlussklasse viermal so viele Vorbereitungsstunden zur Verfügung, wie sie im jeweiligen Fach in der Woche hat. Bei drei Mathematikstunden wären das also zwölf pro Klasse. Im neuen System sind es stets vier pro Jahrgang.

Auch unter den Lehrern herrscht Nervosität: Keiner will Fehlinformationen geben oder schuld an einem schlechten Ergebnis sein. Zudem missfällt ihnen, sich nun stärker an den Lehrplan halten zu müssen. Ihre Nervosität überträgt sich auch auf uns Schüler. Am besten wäre es, sich nüchtern an einen runden Tisch zu setzen, an dem die Schüler ebenso ihre Erfahrungen einbringen wie die Lehrer und zu dem auch die Bildungsexperten hinter ihren Bifie-Schreibtischen hervorkommen. Also ich wäre da dabei. (Jakob Sturn (16), DER STANDARD, 24.2.2014)

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