Arturo lässt keinen Karrrfiol verrrotten

24. Februar 2014, 07:24
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Eine Hitler-Karikatur, die mit der Sprache spielt: Maria Bill gibt in einer Inszenierung Michael Schottenbergs Bertolt Brechts Gangsterboss "Arturo Ui". Ihre fragwürdige stimmliche Interpretation erweist der Volkstheater-Produktion keinen guten Dienst

Wien - Wenn Charlie Chaplin im Film Der große Diktator Hitler-Reden hält, dann ist aus dem Mund des großen Komikers absichtsvoll nur "Schnitzzzel" zu verstehen oder "Schtonk". Oder ein anderes Kauderwelsch aus harten Konsonanten, das möglichst aggressiv irgendetwas verkündet - inhaltsleere Kommandosprache. So ähnlich hört es sich im Volkstheater an, wo Maria Bill die Hitler-Karikatur Arturo Ui spielt, den Gangsterboss aus Chicago, von Bertolt Brecht 1941 im Exil erschaffen. Man versteht kaum ein Wort.

Kleine Ratte Hitler

Die kleine Ratte Hitler tritt hier, in Michael Schottenbergs Inszenierung, aus dem Kanalgitter auf, schon fix und fertig herausgeputzt als Führer mit fettglänzendem Seitenscheitel, Stummelbart und Stiefelhose (Kostüme: Erika Navas). Nichts Menschliches eignet dieser Figur - und das ist der rettende Vorteil gegenüber der Hitler-Imitation von Bruno Ganz in Der Untergang: Als verzwickter, buckliger Gnom mit nervösen Zuckungen hopst dieser Arturo Ui (Maria Bill ist nicht wiederzuerkennen) durch die Unterwelt Chicagos.

Sie bügelt die Parabel auf die Machtergreifung Adolf Hitlers - mit vollem Titel: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui - mit rollenden "R" s nieder. "Ach, kurrrzlebig/ Ist hierrr der Rrruhm. Zwei Monate kein Morrrd, und/ Man ist verrrgessen."

Dass sich die Inszenierung der historischen Zeit anverwandeln möchte, macht auch die (in der Folge keine weitere Bedeutung erlangende) Vor- und Abspann-Rahmung als Film noir deutlich. "Noir" bleibt es dann aber bis zum bitteren Ende nach zweidreiviertel Stunden: Eine aus ölig schwarzen Wänden ineinander verschachtelte Unterwelt (Bühne: Hans Kudlich) dreht sich im Kreis. Herren mit aufgestellten Mantelkrägen steigen unerwartet aus Schächten, aus einem Türspalt hängt das Bein der stets betäubten Hure Dockdaisy (Hanna Binder).

Ein Märchen aus schlechten Zeiten ist dieser Arturo Ui, harmlos und mitunter ein bisschen zum Lachen. Ginge es aber um das Lächerlichmachen eines aufstrebenden Diktators, so wäre einem mit Satiren, wie sie Helge Schneider gespielt oder das Kabarettduo Pigor und Eichhorn gesungen hat, besser geholfen.

Maria Bill bleibt als rrrasender Zappel-Philipp am Drücker. Und man fragt sich, warum die umstehenden Gentlemangangster (Jan Sabo, Thomas Bauer, Thomas Kamper, Alexander Lhotzky und Christoph F. Krutzler) nicht irgendwann sagen: Schluss mit lustig, ab in die Klapse mit ihm, wir checken unseren Gemüsehandel selber.

Da in Chicago die Anführer des Gemüsetrusts auf ihrem Karfiol sitzen bleiben, versuchen sie ihn mit geladener Pistole über den Ladentisch zu bringen. Dabei wird der ehrenwerte alte Geschäftsmann Dogsborough (Rainer Frieb) das Pfand. Er geht einem Komplott des Trusts in die Falle und ist in der Folge vom Schutz des selbsternannten Gangsterbosses Ui abhängig.

Neben Arturo Ui als Hitler haben auch alle anderen Figuren des Stücks ihre historischen Vorbilder: Dogsborough ist Reichspräsident Hindenburg, Dullfeet (Ronald Kuste) ist Dollfuß, und mit Uis Leutnant, Ernesto Roma (Patrick O. Beck mit perfekter Gesichtsblessur) ist SA-Führer Ernst Röhm gemeint. Diesen stattet Beck mit schön hinterhältigen Gesten und Blicken als gerissenen, aber bekanntlich letztlich allzu dienstfertigen Genossen aus (Röhm-Putsch).

Gegen die Omnipräsenz des Bill'schen Arturo Ui kommt im Ensemble nur noch einer an: Günter Franzmeier als Schauspieler Mahonney, der dem Jungdiktator Nachhilfe in Sachen Bühnenwirksamkeit gibt - eine der schillerndsten Szenen des Stücks. Von der Kanzel seines Deklamierzimmers predigt der Shakespeare-Mime herunter, wie es sich als Führer am besten zu gehen und zu stehen gezieme. Und da dem Schüler dabei auch noch der Krawattenzipf beim Hosentürl lächerlich übersteht, kann man keineswegs erahnen, welche Stunde es geschlagen haben wird, wenn er sein Ziel erreicht hat und vor dem völkischen Mikrofon zu stehen kommt. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 24.2.2014)

Wieder am 26. 2.

  • Ihm horchen alle gebannt zu, auch wenn man davon kaum etwas versteht: Maria Bill (als Hitler-Figur Arturo Ui) und die grünen Männchen des Karfiol-Trusts am Volkstheater.
    foto: apa/georg hochmuth

    Ihm horchen alle gebannt zu, auch wenn man davon kaum etwas versteht: Maria Bill (als Hitler-Figur Arturo Ui) und die grünen Männchen des Karfiol-Trusts am Volkstheater.

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