Selfies: Geschmacklose Selbstporträts für alle

Gastkommentar23. Februar 2014, 21:57
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Der sogenannte Selfie-Trend kennt keine Grenzen. Ob Mahnmal, Obdachloser oder Grabstätte, jeder Ort eignet sich doch zum absurden Gepose

Auch wenn es nicht zum Wort des Jahres gekürt wurde, ist Selfie der heimliche Gewinner 2013. Nicht umsonst kursieren Millionen von Selbstportraits mit dem typischen "Halben-Arm-im-Bild-Effekt" in den sozialen Netzwerken. Sie würden auch gerne mit dem Trend schwimmen und wissen nicht wie? Hier ein paar Tipps!

Akrobatik und Schmollen am Holocaust-Mahnmal

Vergessen Sie schnöde Raufasertapeten! Was neben dem richtigen Gesichtsausdruck zählt (und der darf von Duckface bis zum Dackelblick reichen), ist der richtige Hintergrund und eine ansprechende Szenerie.

Sehr beliebt ist zurzeit das Posieren vor Pennern, die in ihrer eigenen Pipi schlafen. Unangefochten: das Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte. Ein leibhaftiger Spielplatz für passionierte Selfie-Fans. So lässt es sich zwischen den großen Steinen kreativ und vielseitig posieren, gar akrobatische Künste wurden hier schon beobachtet. Auch Ausflüge zu ehemaligen Konzentrationslagern sind der perfekte Platz für Schmollmundbilder.

Das i-Tüpfelchen auf jedem Selfie ist jedoch das passende Hashtag: #selfie #holocaust reicht aber noch nicht aus. Sie sollten dem noch eine persönliche Note verleihen, Emotionen sprechen lassen. So wäre in diesem Fall ein knackiger Kommentar: #selfie #holocaust #sosad.

Bleiche Halbtote und sexy Bikinifotos

In Ihrer Familie steht ein baldiger Todesfall an? Perfekt, nutzen Sie die Gunst der Stunde, um neben dem Kranken eine Schnute zu ziehen. Je blasser und kaputter, desto besser. Auch Beatmungsschläuche sind das perfekte Hintergrundaccessoire und verleihen dem Ganzen noch mehr Tiefe. Oder in Hashtags ausgedrückt: #selfie #dead #sodeep. Selbst Verunglückte dürfen natürlich auch drauflos knipsen, nichts flasht so sehr, wie das eigene Blut.

Vorreiter für diesen kreativen Trend waren im Übrigen, so munkelt man, die Stars und Sternchen, die uns mit ihren Portraits einen exklusiven Blick in ihrer Privatleben gewährten. Frisch gebräunte Hintern, eine neue Frisur oder gestochen Scharfes zählten hier unter anderem zu den Lieblingsmotiven.

Sie möchten mehr von sich zeigen? Wie wäre es mit der Bikini Bridge! Das ist eine Aufnahme, die im Liegen vollzogen wird und, Sie ahnen es schon, das Tragen eines Bikinis voraussetzt. Der Fokus liegt hierbei auf den herausragenden Beckenknochen, auf denen sich der Slip zaghaft legt. Führt prima schnell zu Magersuchtspekulationen und jeder Menge Aufregung im Familien- und Freundeskreis. Also, unbedingt mal ausprobieren!

Hier sollten Sie jedoch beim Hashtagsetzen gleich betonen, wie viel Burger und Limo sie doch davor genossen haben, damit alle Gerüchte von Essstörungen im Keim erstickt werden.

Bei all den Tipps kitzelt es Ihnen bereits in den Fingern? Dann greifen Sie schnell zum Smartphone und der Spaß kann beginnen! Und nicht vergessen: Posing ist alles! #trueemotions (Alissia Passia, "The European" und derStandard.at, 23.2.2014)

Alissia Passia ist ausgebildete Mediengestalterin und studierte das Texthandwerk unter anderem bei den Werbeagenturen "Jung von Matt", "McCann Erickson" und "BBDO". Nach mehrjährigen Ausflügen in die E-Commerce Welt und Tätigkeiten als Blogger und Senior Marketing-Texter, ist sie nun wieder in die Werbung zurückgekehrt. Dieser Text erscheint in Kooperation mit The European.

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