Über die Hölle, ein Mann sein zu müssen: Top oder Flop?

Ansichtssache23. Februar 2014, 19:23
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Es ist eine reichlich brutale Folge, die mit dem "Tatort: Brüder" aus Bremen kommt. Nicht nur, weil gleich zu Beginn eine Polizistin ins Koma geprügelt wird, während ihr Kollege flüchten kann.

foto: orf/ard/jörg landsberg

Brutal ist der Fall der Kommissare Lürsen und Stedefreund auch, weil es um organisiertes Verbrechen geht, verübt von einem Familienclan migrantischer Herkunft. Der sogenannte Miri-Clan soll Vorbild sein, libanesische Bürgerkriegsflüchtlinge, aktuell vor allem in Bremen aktiv.

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Es ist gut, von diesem Vorbild zu wissen. Tut man das nämlich nicht, mutet einen die bisweilen arg scherenschnittartige Darstellung der arabischen Verbrecher, die nur Mama und Papa ehren und auf den Staat "scheißen", manchmal doch etwas rassistisch an.

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Grausam desillusionierend daneben, wie sich hier alle, von den Zeugen bis zum Richter, von dieser Familie (im Film heißt sie Nidal) einschüchtern lassen. Zwei, die daneben fast schon auffallend redlich und geradlinig ihrem Job nachgehen, sind die Kommissare.

Die belästigen einen - im "Tatort" keine Selbstverständlichkeit - angenehm wenig mit charakterlichen Eigenheiten. Sie tun einfach ihren Job. Der Kollege der verprügelten Polizistin dagegen hat schwer zu kämpfen: mit sich, weil er nicht geholfen hat; mit den Kollegen, die ihn verantwortlich machen.

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Darum geht es am Ende: Was für eine Hölle es sein kann, ein Mann zu sein. Der Streifenpolizist leidet wie ein Hund, weil er Feigheit gezeigt hat statt heroischen Wagemut. Die Brüder der Familie Nidal stellen sich dagegen die Frage: Wer ist hier der Boss? Einen solchen, da gibt es keine Zweifel, muss es geben.

Nur: So brutal sie auch daran arbeiten, diese Rolle zu erfüllen - froh wird am Ende keiner. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 24.2.2014)

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"Das ist eine klare Versuchsanordnung, und Baxmeyer erzählt die Geschichte bündig runter, eine Geschichte über wechselseitige Fremdheit in allen Schattierungen. Menschen, gefangen in Gegnerschaft; jeder hält sich für das Gesetz", urteilt Holger Gertz in der "Süddeutschen Zeitung".

Christian Buß zeigt sich im "Spiegel" enttäuscht: "Und doch gelingt es den Filmemachern nicht wirklich, das reale organisierte Verbrechen in Deutschland im klassischen Genre-Thriller widerzuspiegeln."

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Und David Signer ortet in der Neuen Zürcher Zeitung pure Angst: "Unterschwellig ist viel diffuses Raunen in diesem 'Tatort'. Er breitet ein Phantasma vor dem Zuschauer aus, den verbreiteten Albtraum von den primitiven Horden, die das geschwächte Abendland überrollen und denen wir hilflos ausgeliefert sind, von der kraftstrotzenden Virilität, gegen die unsere Bürokratie, unsere Political Correctness und unsere weltfremde Kultiviertheit keine Chance haben." (red, derStandard, 23.2.2014)

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