Galileo und seine Freunde

Leserkommentar23. Februar 2014, 18:06
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Eine Kampfschrift über die mancherorts ausgeprägte Wissenschaftsfeindlichkeit unserer Zeit hat eine breite Debatte ausgelöst. Eine Entgegnung.

Eric Frey verfasst eine Kampfschrift - und wenn er auch ein paar richtige Ansätze hat, er haut bei den meisten Punkten kräftig daneben. Schon beim Einstieg in das Thema meint er, dass ein Drittel der Amerikaner noch immer an die "längst überholte Schöpfungsgeschichte der Bibel glaubt". Was soll das? Was hat das mit Galileos Weltsicht zu tun?

Wahrscheinlich verwechselt ein Drittel der Amerikaner die Schöpfungsgeschichte mit einer wissenschaftlichen Aussage. Tatsächlich ist die Schöpfungsgeschichte ein anlassbezogenes theologisches Gegenmodell der nach Babylon deportierten Israeliten zur Schöpfungsmythologie der Babylonier. Ein Versuch, irgendeine naturwissenschaftliche Realität zu erklären, ist da nicht zu finden. Ein solches Denken lag den alten israelitischen Theologen fern, und überdies darf diese Geschichte nicht als Offenbarung missverstanden werden. Somit ist "überholt" für diese Geschichte ein völlig falsches Kriterium. Genauso wie man das Nibelungenlied nicht als "überholt" bezeichnen kann. Beide sind einfach alte Geschichten, denen der Platz einer alten Geschichte gebührt.

Als Nächstes nimmt er sich die Gentechnik vor. Ich schließe mich den Wissenschaftern an, die sich ob der falschen und vereinfachenden Argumente dagegen die Haare raufen. Tatsächlich halte ich die Produkte der landwirtschaftlichen Gentechnologie für problemlos genießbar, auch wenn mein Appetit darauf begrenzt ist. Sollte sich irgendwann wider Erwarten herausstellen, dass ein Produkt doch Probleme verursacht, dann könnte man es, aus der Sicht der Lebensmittelverträglichkeit, aus dem Markt nehmen.

Nur: Das ist nicht das eigentliche Problem - die Crux, die Frey nicht erwähnt, liegt woanders. Er unterliegt dem häufig kolportierten Irrtum, dass Gentechnologie auf technischer Basis das Gleiche mache, wie es seit Beginn der Landwirtschaft State of the Art ist: "... betreibt der Mensch ... eine krude Art von Gentechnik, ohne genau zu wissen, wie." Das ist aber grundfalsch, denn was der Mensch bisher auf vorgeblich krude Art betrieben hat, ist nichts weiter, als mittels züchterischer Methoden das, was von der Evolutionstheorie beschrieben wird, im eigenen Sinne ein wenig zu beschleunigen. Die Gentechnologie hingegen tut etwas, was in der Evolution peinlichst vermieden wird: Sie bringt Gene anderer Arten in ihre Nutzpflanzen, vereinzelt auch in Tiere, ein, und zwar auf Basis eines nur rudimentären Verstehens der Grundlagen dessen, was sie da tut.

Zur Homöopathie: Was Frey da schreibt, ist die oft gehörte Meinung der Schulmedizin bzw. der etablierten Wissenschaft. Aus konservativer Sicht muss man das so sehen. Meine Kritik richtet sich gegen sein Wissenschaftsverständnis. Innerhalb der etablierten Naturwissenschaft gilt richtigerweise die Regel, dass sie sich nur mit solchen Dingen befassen kann, von denen anzunehmen ist, dass sie sie messen kann bzw. können wird. Das muss so sein, alles andere würde zu Problemen führen. Frey missversteht diese Forderung insofern, als er offenbar davon ausgeht, dass dies eine universale Seinsvoraussetzung ist: Alles, was ist, muss messbar sein. Das ist grotesk, grenzt an Sektierertum.

Wer will, darf das so sehen. Aber in einer liberalen, pluralistischen Gesellschaft muss auch die gegenteilige Annahme zulässig sein. Und damit bricht seine Argumentation zusammen bzw. gilt sie nur noch für Menschen, die seine Sicht des Seins teilen: Wer zulässt, dass es für die Welt relevante Dinge gibt, die nach heutigem Wissensstand nicht messbar sind, verlässt das Reich der etablierten Naturwissenschaft, befindet sich aber, anders als Frey das sieht, nicht im irrationalen Bereich, sondern akzeptiert, dass es Dimensionen des Seins gibt, die die Welt des Messbaren übersteigen. Und dort befindet sich die Homöopathie. (Niklas von Beringe, DER STANDARD, 24.2.2014)

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