"Ich hätte große Lust, Regie zu führen"

23. Februar 2014, 17:57
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Am Münchner Residenztheater wird Markus Hering derzeit als Malvolio in Shakespeares "Was ihr wollt" umjubelt. In Wien wird er am Freitag als "Schauspieler des Jahres" ausgezeichnet

STANDARD: Ö1 zeichnet Sie als "Schauspieler des Jahres" aus - für ein bestimmtes Projekt?

Hering: Nein, für das Lebenswerk (lacht), mein Funklebenswerk, für mein akustisches Lebenswerk.

STANDARD: Arbeiten Sie gern für das Radio?

Hering: Unbedingt! Nur mit der Stimme Fantasien zu erzeugen macht großen Spaß. Früher haben wir ja auch die Geräusche selbst gemacht, mit Stühlerücken und Wasserhahnaufdrehen. Es gab Treppen mit verschiedenen Belägen: Stein, Holz, Teppichboden, Linoleum. Und ein bizarres Badezimmer mit Pissoir und Badewanne. Es war ein ganz anderes Arbeiten: Pro Take kamen zwei Tontechniker und mikrofonierten den Raum, dann nahm man die Badezimmerszene auf; dann wurde umgebaut. Alles sehr aufwändig, die Produktionszeit für ein Hörspiel dauerte eine Woche. Heute macht man das in ein, zwei Tagen, die Geräusche werden in der Nachproduktion digital dazugemischt.

STANDARD: In Österreich hört man Sie im Radio, sieht Sie im Fernsehen. Am Theater haben Sie zuletzt in "Hexenjagd" am Landestheater in St. Pölten gespielt. Schwierig, wenn die eigene Frau Intendantin ist?

Hering: Keineswegs. Hexenjagd war ein wirklich tolles Erlebnis, und Cilli Drexel ist eine großartige Regisseurin, mit der ich sehr gern wieder zusammenarbeiten möchte.

STANDARD: Würden Sie auch gern selbst Regie führen?

Hering: Sie fragen das tatsächlich im richtigen Augenblick. Ich hätte schon große Lust. Ich spiele gern, aber ob ich das vermitteln kann? Die Kunst ist ja, glaube ich, von sich selbst weggehen zu können, um bei Kollegen zu sehen, was aus deren Möglichkeiten kommt. Ich glaube, ich wüsste vielleicht, wie man ein Stück erzählt. Was ich nicht weiß, ist, ob ich konzeptuell arbeiten kann: Bühnenbild, Kostüm, Ausstattung, Ästhetik. Ich habe so viele Proben erlebt, wo ich mich beim Bühnenbild fragte: Wie kann der Regisseur das zulassen? Zuletzt etwa bei Was ihr wollt: Da gibt es eine viereinhalb Me- ter hohe Riesenwalze, wie eine Brandungswelle, aus der wir aufs Stichwort herausschlüpfen. Diese Walze entgleiste, musste mit der Flex repariert werden, sprengte die Technik und klaute uns zehn Tage Probenzeit. Da hat man dann große Sehnsucht, der Regie zuzurufen: Schmeißt das bitte weg! Blanke Bretter! Shakespeare kann man auch auf leerer Bühne spielen. Da braucht man keine große Behauptung.

STANDARD: Sind leere Bühnen, bei denen nichts vom Spiel ablenkt, nicht auch eine enorme Herausforderung für Schauspieler?

Hering: Bei Agonie in der Inszenierung von Martin Kusej hatten wir ja eine total weiße, leere Bühne. Das ist nur am Anfang schwer, wenn du merkst: Das einzige Requisit auf der Bühne bist du selbst, man sieht jedes Wehen des Mantels, jede falsche Handbewegung. Doch dann gibt es eine Gesetzmäßigkeit. Und wenn die verinnerlicht ist, spielt es sich wie von selbst. Eine kahle Bühne erfordert eine strenge Form und zu jedem Satz eine Haltung, auch eine körperliche Haltung.

STANDARD: Sind leere Bühnen in Krisenzeiten auch ein Sparfaktor?

Hering: Im Prinzip bin ich immer für die sparsame Form. Ich liebe Pergamentbühnenbilder, wo die Wohnung nur aufgemalt ist und der Schrank gar nicht aufgeht. Wo alles Illusion ist. Manchmal ist es aber auch schön, wenn man sich Zaubereien leisten kann, wie das Feuerwerk in Gert Jonkes Der freie Fall. Der Anzug, den ich trug, damit ich die 1000 Grad aushalte, war schweineteuer. So etwas kann sich eben nur ein Theater wie die Burg leisten.

STANDARD: Apropos Burg: Sie sind seit einem Jahr Ensemblemitglied des Münchner Residenztheaters. Haben Sie manchmal Sehnsucht zurück an die Burg?

Hering: Nein! Ich kenne die derzeitige Situation nur aus den Zeitungen und kann sie daher nicht wirklich beurteilen. Aber ich sehe die schlechte Stimmung im Haus und die Frustration bei den Kollegen und finde das traurig. Ich habe ja das erste Jahr von Matthias Hartmann noch erlebt, mir dann zum 50. Geburtstag ein Jahr Auszeit geschenkt. Danach kamen keine Angebote aus der Burg, aber dafür aus München. Und ich hatte große Lust, wieder in Deutschland zu spielen.

STANDARD: Im Vergleich zu München: Verdient das Wiener Publikum tatsächlich seinen Ruf, besonders zu sein?

Hering: Das Wiener Publikum ist herzlich und sehr emotional, aber dafür auch unkritisch. Hier kann man sich schnell ins Herz der Leute spielen. Die Münchner sind kritischer. Dafür ist das Burg-Publikum mehr mit jungen Menschen durchwachsen, in München kommen erst jetzt langsam die Enkel der Abonnenten. Kusej hat das Residenztheater ja wirklich aufgemischt und ein radikal neues Publikum gewonnen. Vor allem der Marstall boomt.

STANDARD: Der Marstall ist fürs Residenztheater, was das Kasino am Schwarzenbergplatz für das Burgtheater ist. Wie wichtig sind solche Experimentierbühnen?

Hering: Solche Spielstätten braucht ein großes Haus, um Regisseure, neue Theaterformen und Texte auszuprobieren.

STANDARD: Sie haben früher gesagt, Sie spielen gern. Was empfinden Sie als unangenehm an und in Ihrem Beruf?

Hering: Eigentlich nichts. Oder vielleicht das Opportunistisch-sein-Müssen der Schauspieler, weil von dieser hierarchischen Be­triebswelt gefordert wird, dass jeder seinen Platz gegen jeden verteidigt. Aber dann gibt es ja doch Solidarität, wie bei dieser Abstimmung in der Burg vergangene ­Woche. Das war bestimmt eine der spektakulärsten Ensembleversammlungen. (DER STANDARD, 24.2.2014)

Markus Hering (53) wurde in Siegen (D) geboren. Der langjährige Burgschauspieler ist seit einem Jahr fixes Ensemblemitglied des Residenztheaters in München. Er ist mit der Dramaturgin und Intendantin des Landestheaters Niederösterreich, Bettina Hering, verheiratet.

  • Im Hörfunk verschwindet das Gesicht hinter der Stimme. Markus Hering wurde von Ö1 zum "Schauspieler des Jahres" gekürt.
    foto: heribert corn

    Im Hörfunk verschwindet das Gesicht hinter der Stimme. Markus Hering wurde von Ö1 zum "Schauspieler des Jahres" gekürt.

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