Denken? Hinweise aus Sotschi, Kiew und Rom

Kolumne23. Februar 2014, 17:40
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In der österreichischen Regierungspolitik herrscht seit längerem der Geist des Mittelmaßes

"Nicht denken, nur springen" , sagte der Sprungadler Thomas Diethart nach einem seiner Siege bei der Vierschanzentournee. Vom "Nachdenken"  hingegen spricht Marcel Hirscher immer wieder – zum Beispiel nach seinem "nur"  neunten Platz im ersten Durchgang des Sotschi­-Slaloms. Denkt er zu viel?

Denken und Forschen – über neues Material, neue Trainingsmethoden, ja sogar über psychologische Aspekte – sind aus dem heutigen Spitzensport nicht mehr "wegzudenken". Genauso wie leider auch medizinisch-chemische Mittel in Form des Dopings.

Die Ausschaltung des Denkens beim Skispringen, die fast automatische Anpassung an Wind- und Schneeverhältnisse ist also offenbar das Wesen der Exzellenz in diesem Sektor des Spitzensports.

In manchen Disziplinen, der Skisport gehört dazu, die Kraftsparten der Leichtathletik ebenfalls, braucht es Sportler, die über den engen Sporthorizont hinausdenken und hinausleben – Hermann Maier ist so ein Beispiel, der 34-jährige Mario Matt oder die Skispringerin Daniela Iraschko.Trotzdem sind sie erfolgreich, trotzdem können sie im richtigen Moment ihre Leistungskapazität abrufen.

Wir erleben in Österreich solche Spitzenleistungen auch in der Wissenschaft, in der Literatur, der bildenden Kunst, der Architektur, der Musik. Nur gibt es dort keine Goldmedaillen, keine Zeitvergleiche innerhalb der Exzellenz.

Warum aber erleben wir das in der Politik schon lange nicht mehr (genau genommen seit Bruno Kreisky nicht mehr, ohne die Leistungen eines Franz Vranitzky oder Alois Mock schmälern zu wollen)?

Denn in der österreichischen Regierungspolitik herrscht seit längerem der Geist des Mittelmaßes: nicht zu viel zu wagen, den Wählerinnen und Wählern nicht zu viel zuzumuten, selbst wenig zu riskieren, sich zu verstecken, wann immer es geht.

Das Denken kann man dieser Art des Regierens natürlich nicht absprechen. Aber es korrespondiert mit jenem Mittelmaß, das auch in den Medien angesichts der Krise im Vormarsch ist: nur das tun, was sich auszahlt und rechnet.

Während in Sotschi in diesen Tagen einige Sportlerinnen und Sportler "sich selbst übertroffen"  haben (eine nur noch selten gebrauchte Formulierung), haben in Kiew Hunderttausende wochenlang militanter Macht getrotzt. Nahezu hundert Menschen sind gestorben, um für ihre Überzeugungen einzustehen. Um einen Umsturz zu erzwingen und auch einen des Denkens.

Gleichzeitig hat sich in Italien eine kleine Revolution ereignet, deren Ziele noch weit vor ihrer Verwirklichung liegen. Aber mit der kleinsten Regierung seit 60 Jahren, mit der Parität von Männern und Frauen düpiert Neo-Premier Matteo Renzi all jene, die sich von ihm nicht mehr erwartet haben als mehr Tamtam und weniger Bunga-Bunga.

Das sind ziemliche Exzellenz-Vorlagen für die beiden Herren am Wiener Ballhausplatz, die sich neuerdings nicht mehr mit offenem Visier um ihre Sache (welche Sache eigentlich?) zu kämpfen getrauen. Aber das kommt her­aus, wenn das Denken von zu viel Kalkül und zu wenig ­Courage bestimmt wird. (DER STANDARD, 24.2.2014)

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