"Mehr geht immer, weniger geht auch immer"

Interview23. Februar 2014, 17:09
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Hersteller von Ski- und Outdoor-Bekleidung spüren Gegenwind. Warum Unternehmer Peter Schöffel das gar nicht bedauert

Standard: Wem haben Sie bei den Olympischen Spielen in Sotschi die Daumen gedrückt?

Schöffel: Den Österreichern.

Standard: Das sagen Sie als Bayer?

Schöffel: Das sage ich aus Überzeugung.

Standard: Sie können wohl nicht anders, schließlich kleiden Sie Österreichs Skiteam ein?

Schöffel: Das würde ich nicht sagen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre. Als Unternehmer habe ich gelernt, mich nicht zu verbiegen. Klar, mit dem Sponsoring hat alles begonnen. Inzwischen hat sich aber eine tiefe menschliche Verbundenheit zu den Athleten und Athletinnen ergeben, da ist viel Emotion dabei.

Standard: Mehr österreichische Olympiamedaillen wären noch besser für Ihr Geschäft?

Schöffel: Mehr geht immer, weniger geht auch immer.

Standard: Neben Ski- ist Outdoor-Bekleidung ein wichtiger Geldbringer für Schöffel. Da scheint im Moment aber die Luft draußen zu sein, oder?

Schöffel: Es ist richtig, seit etwa drei Jahren ist es vorbei mit den fast zweistelligen Wachstumsraten. Man muss natürlich sehen, dass sich der Outdoor-Markt inzwischen zu einem riesigen Wirtschaftszweig entwickelt hat. Da ist es natürlich nicht mehr so einfach, zweistellige Zuwächse zu erzielen, wie früher. Dass der Markt sich etwas abgekühlt hat, ist langfristig aber gut, auch wenn der Rückgang uns alle geschmerzt hat.

Standard: Jetzt können Sie zeigen, was sie wirklich draufhaben?

Schöffel: Wenn das Wasser zurückgeht, sieht man, wer eine Badehose trägt, sagt Warren Buffett (US-amerikanischer Großinvestor, Anm.). Dem kann ich mich nur anschließen. Jetzt geht es um Strategien, um Differenzierung. Wir alle müssen uns neu erfinden.

Standard: Ihr Vater hat an Gore-Tex geglaubt. Woran glauben Sie?

Schöffel: Wir verarbeiten natürlich weiter Gore-Tex in unseren Produkten. Klar ist, Gore-Tex war für uns die Trägerrakete zum Markenaufbau in den 1980er-Jahren. Mein Vater und ein Mitarbeiter von Gore-Tex haben sich in das Produkt verbissen, positiv gesehen. Ende der 1980er-Jahre hatten wir einen Gore-Tex-Anteil von 99,5 Prozent in unserer Produktion, so hoch wie sonst niemand.

Standard: Wie tickt die Freizeitwelt heute, und wie stellen Sie Ihre Firma darauf ein?

Schöffel: Höher, schneller, weiter: So tickt der Sportmarkt. Der tut so, als gäbe es nur 16-jährige Modellathleten, die jeden Tag acht Stunden trainieren. Das hat aber mit der gesellschaftlichen Realität nichts zu tun.

Standard: Warum nicht?

Schöffel: Die Realität schaut so aus, dass aufgrund der demografischen Entwicklung immer weniger Junge nachkommen. Und die Menschen, die sich eine vernünftige Sportbekleidung leisten können, stehen beruflich unter enormem Druck. Unsere Philosophie ist zu sagen, du bis erfolgreich im Beruf, in der Familie, aber in deiner Freizeit musst du nicht auch noch nach der Devise leben: höher, schneller, weiter. Wenn ich mit meinen Freunden Ski fahren gehe, fahre ich nicht gegen sie, sondern mit ihnen. Da sind wir bei Schöffel ziemlich die Einzigen, die sich so positionieren.

Standard: Wie andere auch lassen Sie Ihre Kollektionen großteils in Asien herstellen, Rückkehr nach Europa ausgeschlossen?

Schöffel: Wir haben noch eine Schneiderei am Firmensitz in Schwabmünchen mit gut 30 Näherinnen, wo wir Prototypen entwickeln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bekleidungsindustrie in absehbarer Zeit nach Westeuropa zurückkommt.

Standard: Auch dann nicht, wenn die Arbeitskosten in Asien weiter stark steigen, wie sie das schon tun?

Schöffel:Wenn, dann geht die Produktion nach Osteuropa oder Russland. Asien bleibt dominierend aus noch einem anderen Grund: Die ganzen Zutaten - Stoffe, technische Laminate, Ausrüstungen - sind fast ausschließlich dort zu finden. Es würde keinen Sinn machen, Stoff aus Korea oder Taiwan in Europa zu verarbeiten. Die Wege wären viel zu lang.

Standard: Welchen Sinn macht es dann noch, eine eigene Schneiderei in Bayern zu betreiben? Sie könnten die Schnitte auch per E-Mail nach Asien schicken?

Schöffel: Das machen wir auch. Aber die Entwicklung passiert bei uns in Schwabmünchen. Damit differenzieren wir uns von fast allen unseren Mitbewerbern. In China oder Vietnam kann man zwar sehr schnell Schnitte entwickeln, die aber von der Passform her nur bedingt europäischen Ansprüchen genügen. Und eines kommt dazu: Wenn Designer, Produktmanager, Schneiderin, Materialmensch und Kaufmann unter einem Dach sind, gibt es ganz kurze Wege, und man kann Dinge viel schneller umsetzen.

Standard: Das große Wachstum wird es außerhalb Europas geben?

Schöffel: Der Skisportmarkt ist zwar lukrativ, stagniert aber in Europa. Bei Outdoor-Bekleidung bin ich nicht so pessimistisch, da ist eine weitere Wachstumswelle in Europa möglich. Das ist ein gesellschaftlicher Trend. Den großen Schub wird es nicht mehr mit Jacken geben, dafür mit T-Shirts, Fleece, Hosen und Accessoires.

Standard: Auf welchen Berggipfel wollen Sie Schöffel noch führen?

Schöffel: Bis Ende 2016 peilen wir im deutschsprachigen Raum 50 Geschäfte an, großteils im Franchise und mit unserem Partner Lowa (Schuherzeuger; Anm.) wie schon bei den gut 20, die wir jetzt haben. Wir suchen Standorte auch in Österreich. Nach der Stagnation im Vorjahr erwarten wir heuer ein Umsatzplus von rund zehn Prozent auf knapp 100 Millionen Euro.

Standard: Ihre Partnerschaft mit dem ÖSV geht noch eine Saison, dann ist Schluss?

Schöffel: Davon gehe ich nicht aus. Wir werden uns im Sommer an einen Tisch setzen und verhandeln. Ich denke, Schöffel wird im Rennsport über den nächsten Winter hinaus zu sehen sein. (Günther Strobl, DER STANDARD, 24.2.2014)

Peter schöffel (52) führt das gleichnamige Unternehmen aus Schwabmünchen bei Augsburg in siebenter Generation. Begonnen hat alles 1804 mit gestrickten Mützen, die vom Pferdewagen herunter verkauft wurden. Heute lässt Schöffel Ski- und Outdoor-Bekleidung millionenfach in Asien produzieren. Groß wurde Schöffel mit der Gore-Tex-Membran, die bis heute in Funktionskleidung steckt. Seit 2009 ist die Firma, die 250 Mitarbeiter beschäftigt, Ausstatter des Österreichischen Skiteams. Schöffel ist verheiratet und hat zwei Kinder.

  •  "Höher, schneller, weiter: So tickt der Sportmarkt", sagt Peter Schöffel, Chef des gleichnamigen Familien- unternehmens aus Bayern. Er, der auch den ÖSV sponsert, möchte lieber den Spaß am Sport vermitteln.
    foto: standard/newald

     "Höher, schneller, weiter: So tickt der Sportmarkt", sagt Peter Schöffel, Chef des gleichnamigen Familien- unternehmens aus Bayern. Er, der auch den ÖSV sponsert, möchte lieber den Spaß am Sport vermitteln.

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