"El Chapo": Misstrauisch, skrupellos und generös

23. Februar 2014, 17:27
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13 Jahre lang konnte der legendäre Chef des Sinaloa-Kartells seine Jäger foppen

Puebla - Es gibt unzählige Balladen und Legenden über den mexikanischen Paten Joaquín "El Chapo" Guzmán. Eine davon erzählt, wie er ein Restaurant in der Stadt Culiacán schließen ließ und allen Anwesenden ein opulentes Essen spendierte, nachdem sie für die Dauer des Gelages ihre Handys und Autoschlüssel abgegeben ­hatten. Misstrauisch, wie er war, blieb er nie lange am selben Ort.

Bauchansatz, 1,55 Meter klein, schwarzer Schnurrbart, weißes Hemd und schwarze Jeans - so wurde Guzmán nach seiner Festnahme am Flughafen von Mexiko-Stadt präsentiert. Man würde ihn glatt übersehen, selbst wenn man neben ihm im Bus säße. Unterschätzt zu werden war lange die Geheimwaffe des 56-jährigen Chefs des Sinaloa-Kartells.

Geboren wurde Guzmán als Sohn armer Bauern in Las Tunas, einem Nest in den Bergen des nordmexikanischen Bundesstaates Sinaloa. Inmitten des "Goldenen Dreiecks , des Hauptanbaugebietes für Heroin und Marihuana. Eine Region, so arm und vergessen, dass die Kartelle leichtes Spiel hatten. Jeder dort profitierte vom Drogengeschäft, das in den 50er- und 60er-Jahren seine Blüte erlebte - bis US-Präsident Richard Nixon den Drogenkrieg erklärte.

Skrupellos und gewalttätig

Seine kriminelle Karriere begann Guzmán als Gehilfe des Chefs des Guadalajara-Kartells, Miguel Ángel Gallardo. Nachdem Gallardo 1989 festgenommen worden war, übernahm Guzmán die Kontrolle über die Geschäfte. Mit Waffengewalt sicherte er sich die Kontrolle über die Grenzstadt Tijuana, wo er Tunnel graben ließ, um Drogen in die USA zu schmuggeln. 1993 entkam er einem Mordanschlag des verfeindeten Tijuana-Kartells - stattdessen starb Kardinal Juan Jesús Posada im Kugelhagel. Guzmán floh nach Guatemala, wurde dort aber denunziert und wenige Wochen später gefasst und nach Mexiko ausgeliefert.

Der Aufstieg zu einem der mächtigsten Drogenbosse und reichsten Männer der Welt - "­Forbes" schätzt sein Vermögen auf 1,1 Mrd. US-Dollar - begann nach seiner Flucht im Wäschewagen. Skrupellos und gewalttätig baute er sein Imperium aus und schickte seine Killer los, um Schlüsselpositionen zu erobern - so wie Ciudad Juárez, wo er zwischen 2008 und 2010 das Juárez-Kartell bekriegte und besiegte.

Dorffeste für das Volk

Doch im Gegensatz zu anderen Kartellen ließ Guzmán es nicht zu, dass seine Statthalter oder andere Verbrechergruppen Schutzgelder erpressten oder sich mit Entführungen querfinanzierten. Wo er herrschte, herrschte auch Ruhe; der Bevölkerung spendierte er Dorffeste, und die Behörden waren gut geschmiert. Sogar bis in den Präsidentenpalast reichten seine Kontakte.

Seine Jäger verhafteten Mittelsmänner, hoben ein riesiges Labor zur Herstellung synthetischer Drogen aus - doch der Chef entwischte immer wieder. Sieben Geliebte und gut ein Dutzend Kinder soll er haben. "Luxus, Feste, Frauen, Diabetes und ein Herzfehler", sind laut Agenten die Schwachpunkte des Paten. 2012 stellten sie ihm eine Falle mit einem attraktiven Callgirl. Doch Guzmán erschien nicht zum Rendezvous. Auch diesmal war er den Sicherheitskräften zuerst entkommen, wie Staatsanwalt Jesús Murillo Karam der Presse anvertraute.

Über welches Imperium Guzmán herrschte, lässt die Liste der bei der Jagd auf ihn sichergestellten Besitztümer erahnen: 43 Fahrzeuge - 19 davon gepanzert - dutzende von Schnellfeuerwaffen und Granatwerfer, 16 Häuser und vier Gehöfte. (wss, DER STANDARD, 24.2.2014)

  • Der mexikanische Pate Joaquín "El Chapo" Guzmán wurde geschnappt.
    foto: ap/marco ugarte

    Der mexikanische Pate Joaquín "El Chapo" Guzmán wurde geschnappt.

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