"Wir leben in weiblich dominierter Erziehungswelt"

Interview24. Februar 2014, 05:30
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Der Kindergärtner ist in Österreich ein Exot. Warum das so ist und welche Wirkung Männer in elementarpädagogischen Einrichtungen haben (könnten), erklärt der Erziehungswissenschafter Josef Christian Aigner

STANDARD: Der Kindergarten ist ein weiblich dominierter Arbeitsort. Vom EU-Ziel eines Männeranteils von 20 Prozent sind wir weit entfernt. Wie viele Pädagogen gibt es überhaupt?

Aigner: Zum Zeitpunkt unserer Studie waren es 133 voll ausgebildete Pädagogen und etwa 460 Helfer, die allerdings nicht nur in Kindergärten, sondern auch in Horten tätig waren. Das ist etwa ein Anteil von 0,7 bis 0,8 Prozent - und damit sind wir eines der europäischen Schlusslichter.

STANDARD: Woran liegt das?

Aigner: Die meisten werden sagen: Kein Wunder, bei diesem schlechten Gehalt. Das ist allerdings nicht der Hauptgrund. Der Hauptgrund ist das Image. Sowohl das traditionell weibliche, mütterliche Image als auch das wenig angesehene gesellschaftliche Image nach dem Motto "Das kann eh jeder".

Der Beruf verdient ein Mehr an gesellschaftlicher Anerkennung. Ich halte die Frühpädagogik für die anspruchsvollste Pädagogik. Aber bei uns bleibt sie leider ein Kellerkind der Pädagogik - und das völlig zu Unrecht.

STANDARD:  Kein Wunder also, dass keiner in den Beruf will?

Aigner: Was leider völlig im Argen liegt, ist die Berufsorientierung an den Schulen. Es gibt Lehrkräfte, die vom Berufsbild Kindergärtner für Burschen höchstens sehr negativ und klischeehaft berichten. Wir treffen Schüler, die sagen, sie haben noch nie etwas davon gehört und sind gar nicht auf die Idee gekommen, dass das etwas für sie wäre.

Und diejenigen, die trotzdem in den Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik (Bakips) landen, stecken mitten in der Pubertät, wodurch der Beruf besonders uncool ist. Die Bakips produzieren auch am Markt vorbei. Rund 60 Prozent der Mädchen und rund 80 Prozent der Buben gehen nie in den Beruf.

STANDARD: In Ihrer neuen Studie haben Sie untersucht, welche Wirkung männliche Pädagogen auf die von ihnen betreuten Kinder haben. Mit welchen Ergebnissen?

Aigner: Zunächst haben wir keine Bevorzugungen des einen oder anderen Geschlechts der Kinder durch verschiedengeschlechtliche Kindergartenpädagogen gefunden. Wenn man sagt, die Buben sind durch das Fehlen von Kindergärtnern benachteiligt, heißt es oft, man würde den weiblichen Fachkräften unterstellen, die Buben zu benachteiligen. Das tun sie natürlich nicht. Niemand macht das absichtlich.

Allerdings gibt es einen anderen Umgang von Männern mit den Kindern, der auch von den Fachkolleginnen selbst bestätigt wird. In bestimmten Bereichen sind sie geduldiger: Sie stoppen nicht so schnell wegen Gefahr. Sie tolerieren den Bewegungsdrang leichter. Sie fördern die Mobilität der Buben. In rein weiblich geleiteten Kindergartengruppen hocken die Buben schneller einmal am Rand.

STANDARD: Heißt das, Buben "können" besser mit männlichen Fachkräften?

Aigner: Es gibt einen Bub-Mann-Effekt in der Hinsicht, dass Blick- und Körperkontakte zwischen ihnen häufiger sind als in Gruppen, die von zwei Frauen geleitet werden - in beide Richtungen, vor allem aber von den Buben selbst. Bei ihrem explorativen Verhalten suchen Buben die Unterstützung bei männlichen Fachkräften.

Umgekehrt geraten sie mit weiblichem Personal häufiger in Konflikt. Gleichzeitig zeigt sich, dass Mädchen sich gegenüber beiden Geschlechtern relativ offen verhalten, Buben aber eher zu den Männern tendieren - und zwar statistisch signifikant. Und das ist nicht darauf zurückzuführen, dass Männer neu im Kindergarten sind.

STANDARD: Welche Erklärungen haben Sie für den Bub-Mann-Effekt?

Aigner: Wir leben in einer weiblich dominierten Erziehungswelt. Das ist kein Angriff, es ist halt einfach so. In den Familien gibt es immer noch einen starken Mutterüberhang. In der Volksschule gibt es nur noch knapp acht Prozent Männer. Dass das eine gewisse Art von Sehnsucht hervorbringt, dass man sich mit seinesgleichen auseinandersetzen, messen, reiben kann, ist verständlich.

STANDARD: Kann eine männliche Fachkraft eine Art Vaterersatz sein?

Aigner: Ja, aber diese Funktion kann kein professionelles Ziel sein. Selbst wir Hochschullehrer sind für manche Studierende eine Art Projektionsfläche. Klar haben sie eine Art Autoritätsfunktion als Ersatzväter. Ein Kindergartenpädagoge kann aber bestimmte Bedürfnisse von Buben und Mädchen, die den Vater betreffen, aufgreifen

STANDARD: Können Kindergärtner gar präventiv wirken - Stichwort Gewaltbereitschaft?

Aigner: Das glaube ich sehr wohl. Man müsste es aber erst in einer Langzeitstudie beweisen. Aber es ist höchst plausibel, dass Burschen mit ihren eher externalisierten Verhaltensweisen in Männern ein Rollenmodell finden, wo traditionelle Gewaltorientierungen infrage gestellt werden.

STANDARD: Wer profitiert besonders von Männern im Kindergarten: nur Buben oder auch Mädchen?

Aigner: Wir wissen, dass die Buben im Vergleich zu den Mädchen deutlich häufiger bei den Eltern daheim von den männlichen Fachkräften berichten. Es scheint also, als ob die Männer für die Buben besonders wichtig sind. In einer Gesellschaft, in der Vaterferne alltäglich ist, ist es aber auch für die Mädchen wichtig, sich in diesem frühen Alter von Männern begleiten zu lassen. Eine norwegische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nicht nur die Burschen ihre Fähigkeiten und Interessen mehr ausleben können, wenn Männer als Erzieher dabei sind, sondern auch die Mädchen.

Ja, dass sogar die Pädagoginnen auf einmal Lust bekommen auf angeblich männliche Spiele und Verhaltensweisen. Es werden also nicht - wie manche Gegner unserer Studien behaupten - die Klischees wiederaufgerichtet, sondern die Verhaltensweisen durchmischen sich.

STANDARD: Politisch sind sie ja erwünscht. Aber wie reagieren die Kolleginnen auf Männer im Kindergarten?

Aigner: Die meisten sehen das sehr positiv. Es gibt kein wirkliches Konkurrenzverhältnis. Weil wir ja künftig - Stichwort Pensionierungen - einen dringenden Fachkräftebedarf und sogar jetzt schon einen Fachkräftemangel haben. Wir können es uns nicht weiter leisten, die Männer da außen vor zu lassen. In unseren Studien war es auch so, dass die Männer dann nicht wieder zum erhöhten Anteil Leitungsfunktionen einnehmen.

STANDARD: Werden Männer nicht erst recht in klassisch Männern zugeschriebenen Rollen eingesetzt?

Aigner: Das ist natürlich eine Tendenz. Weil die Kindergartenpädagogen nicht sehr gendersensibel ausgebildet sind. Da gibt es einen Nachholbedarf. Da muss man aufpassen, dass man nicht den männlichen Pädagogen zum Glühlampenwechseln einsetzt und die Frauen zum Basteln. Diese Tendenz gibt es, weil unsere ganze Gesellschaft von diesen Klischees durchzogen ist. Aber da erwarten wir uns natürlich von einer professionellen Ausbildung, dass das kritisch reflektiert wird.

STANDARD: Welche Haltung nehmen Eltern gegenüber Pädagogen im Kindergarten ein?

Aigner: Die Eltern sind zum allergrößten Teil sehr positiv eingestellt. Nur ein verschwindend geringer Teil äußert den sogenannten Generalverdacht, Männer würden im Kindergarten die Kinder sexuell missbrauchen - was ja in ganz Europa kaum vorkommt. Die Missbrauchstäter im Kindergarten sind statistisch nicht abbildbar, so wenige sind das.

STANDARD: Gibt es ein Bundesland, in dem besonders viele männliche Pädagogen zu finden sind?

Aigner: Ja, es gibt einen sehr lobenswerten Überhang in der Steiermark. Warum das genau so ist, weiß ich nicht. (Karin Riss, DER STANDARD, 24.2.2014)


ZUR PERSON

Josef Christian Aigner ist Erziehungswissenschafter, Psychoanalytiker und Leiter des Instituts für Psychosoziale Intervention an der Universität Innsbruck. Er forscht u. a. über Väter und Männer in der Elementarpädagogik. Die Daten für die unveröffentlichte Pilotstudie "Zur Wirkung männlicher Kindergartenpädagogen auf Kinder im elementarpädagogischen Alltag" basieren auf Videoaufnahmen von 129 Kindern und Pädagogen, Fragebögen für Fachkräfte und Eltern sowie der Auswertung von selektiven Stichproben.

  • Mehr Bewegung, mehr Mut zur Gefahr: Männer im Kindergarten gehen anders mit den Kleinen um, sagt eine Studie.
    foto: reuters/kai pfaffenbach

    Mehr Bewegung, mehr Mut zur Gefahr: Männer im Kindergarten gehen anders mit den Kleinen um, sagt eine Studie.

  • "Wir können es uns nicht weiter leisten, die Männer da außen vor zu lassen", sagt Josef Christian Aigner.
    foto: privat

    "Wir können es uns nicht weiter leisten, die Männer da außen vor zu lassen", sagt Josef Christian Aigner.

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