Vom Mundhalten in Sotschi

Blog23. Februar 2014, 13:27
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Die Olympischen Winterspiele, menschenrechtlich betrachtet

Im Vordergrund der Olympischen Spiele in Sotschi stand der Sport, aber leider nicht ausschließlich aus Freude an fairer Konkurrenz der Athletinnen und Athleten - so wie es dem Olympischen Gedanken und der Olympischen Charta allein entsprechen würde. Sondern es ging auch um Zurschaustellung russischer politischer Hegemonie: Die Spiele von Sotschi fanden statt, um die Leistungsfähigkeit des Systems Wladimir Putins unter Beweis zu stellen - eines politischen Systems, in dem Grundrechtsniveaus seit Jahren systematisch unterboten werden.

Diese menschenrechtliche Betrachtung ist von der sportlichen indes nicht zu trennen. Warum, ist der Olympischen Charta zu entnehmen. Dort lautet der fünfte von sechs niedergeschriebenen "Grundlegenden Prinzipien des Olympismus":"Jede Form von Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Politik, Geschlecht oder aus sonstigen Gründen ist mit der Zugehörigkeit zur Olympischen Bewegung unvereinbar."

Unolympische Festnahme

Somit ist es mit der Olympischen Bewegung unvereinbar, dass russische Polizisten am 17. Februar in Sotschi die prominente Repräsentantin der italienischen Homosexuellen- und Transgenderbewegung, Vladimir Luxuria, vorübergehend festnahmen. Ebenso haben jene russischen Politiker unolympisch gehandelt, die die rechtlichen Grundlagen für eine solche Sicherheitsbehörden-Aktion schufen.

Luxuria, die zwischen 2006 und 2008 für die Kommunisten im italienischen Parlament saß, hatte eine Regenbogenfahne mit der russischen Aufschrift "Es ist okay, homosexuell zu sein" hochgehalten - und wurde einkassiert: Weil sie, eine Homosexuelle und Transgenderperson, sichtbar dokumentierte, dass gleichgeschlechtliche Liebe, die auch ihre Form der Liebe ist, nicht diskriminiert werden sollte.

Verbotene "Propaganda"

Doch eine solche Erinnerung an die Universalität der Menschenrechte für Lesben und Schwule verstößt im heutigen Russland gegen das Gesetz: Seit Juni 2013 ist sogenannte homosexuelle Propaganda verboten, wenn sie in Anwesenheit von Minderjährigen oder medial verbreitet wird - also in der Öffentlichkeit im Grunde immer.

Das an seine Charta gebundene Internationale Olympische Komitee (IOC) protestierte trotzdem nicht. Auch als am 18. Februar bei einer Demonstration in Sotschi neun Menschen, unter ihnen die Mitglieder der Punkband Pussy Riot Nadezhda Tolokonnikova und Maria Alyokhina, von Sicherheitskräften zu Boden geworfen, geschlagen und mit peitschenähnlichen Waffen traktiert wurden, verhielten sich die befugten Träger Olympias mucksmäuschenstill.

Haft nach Öko-Kritik

Ebenso wortlos quittierten sie die dieser Tage verkündete Verurteilung des russischen Umweltschützers Jewgeni Witischko zu drei Jahren Lagerhaft: Der 40-Jährige will einen Bericht über die ökologischen Schäden durch die Olympia-Bauten veröffentlichen, für deren Errichtung Naturschutzgebiete zerstört und Arbeiter zum Teil ohne Bezahlung ausgebeutet wurden.

"Geradezu ohrenbetäubend" nennt Sergej Nikitin, Direktor des Moskau-Büros von Amnesty International, das Schweigen zu diesen gegen Ende der Olympischen Spiele sich summierenden Menschenrechtsverletzungen. Doch die hohen Olympiafunktionäre stehen mit diesem Nichtreagieren keineswegs allein.

Keine Kritik

So hat zum Beispiel kein einziger jener österreichischen Politiker, die - im Unterschied zu Amtskollegen aus anderen westeuropäischen Staaten - schon nach Sotschi reisten, bislang das repressiven Vorgehen gegen russische Oppositionelle kritisiert. Auch aus österreichischer Politiker-Perspektive werden die Olympischen Spiele von Sotschi daher als die Spiele menschenrechtlichen Mundhaltens in die Annalen eingehen. (Irene Brickner, derStandard.at, 23.2.2014)

  • Die Olympische Charta.

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  • Die Sotschi-Festnahme von Pussy Riot.
    foto: ap/morry gash

    Die Sotschi-Festnahme von Pussy Riot.

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