Was macht ein Tierrechtler, wenn ihn eine Mücke sticht?

Kommentar der anderen21. Februar 2014, 19:19
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Vegetarismus und Tierliebe kennen kaum noch Grenzen. Lustvoll an ein Schnitzel zu denken ist beinahe schon tabu. Dafür machen sich manche Tierrechtler ernsthaft Gedanken über Grund- und Bürgerrechte für Kühe, Kolibris und Kabeljaus

Wer nach einem Weg sucht, um sich auf schnelle Weise unbeliebt zu machen, muss nur im richtigen Moment einen Vegetarierwitz raushauen. Kennen Sie den schon? "Vegetarier" ist ein altes indianisches Wort für "schlechter Jäger". Ein Satz, eine Pointe - effizienter geht es nicht. Ein Kalauer, so flach wie der Neusiedler See? Damit haben Sie vermutlich sogar recht.

In der Tat hört der Spaß auf jeder Party allerdings inzwischen beim Thema Ernährung auf. Wer Witze über Pflanzenesser macht, starrt oft in Gesichter, als hätte man gegenüber Muslimen den Propheten Mohammed beleidigt. Einige Soziologen und professionelle Beobachter des Zeitgeschehens, wie etwa die Amerikanerin Mary Eberstadt, haben auch eine Erklärung dafür. Sie kommen zu dem Schluss, dass wir heute keineswegs in einer tabulosen Gesellschaft leben - wie gerne angenommen -, sondern dass die Tabus schlicht andere sind als noch vor fünfzig Jahren.

Alles erlaubt, was Freude macht

Mit den sexuellen Vorlieben ihrer Mitmenschen hat die heutige Generation keine Probleme mehr. Auf diesem Gebiet ist alles erlaubt, was Freude macht. Das war in den 1950er-Jahren keineswegs so. Homosexualität, Seitensprünge, Scheidungen - all das reichte schon für sich, um gesellschaftlich auf schnellstem Weg im Abseits zu landen. Das Stigma unserer Tage tragen hingegen jene, die lustvoll Fleisch essen und für die Tiere nicht als Mitbürger gelten, sondern als das, was sie immer schon waren: als Haustier oder Nutzvieh, als wildlebende Streuner oder schmeckendes Sättigungsmittel.

Der ganze Ernährungskomplex ist zu einem Schlachtfeld, das Wort Vegetarier zu einem Kampfbegriff geworden. Denn für Vegetarier ist das Private stets politisch. Es genügt den allermeisten nicht, ihr Hobby im Stillen auszuleben, sie spielen gerne Moses und wissen nicht nur, was besser für sie selbst, sondern auch für die ganze Menschheit ist. Sie fühlen sich moralisch auf sicherem Posten und empfinden sich als friedensbewegte Vorreiter einer harmonischen Utopie, die leider stets an zu viel Szegediner Gulasch und Wiener Tafelspitz scheitert.

Vegetarisches Blutvergießen

Gerade in diesen Tagen gelangt die vegetarische Empfindsamkeit zu bisher ungeahnten Höhepunkten. Auf seinem Urkost-Blog schrieb der passionierte Esser Felix Olschewski einen Text unter dem Titel "Verursachen Vegetarier mehr Blutvergießen als Fleischesser?". Darin analysiert er - stets auf Fakten gestützt -, dass eine rein vegetarische Ernährung keineswegs besser für den Planeten sei. Kaum hatte Olschewski seinen Blogbeitrag online platziert, hagelte es Kritik in bester Shitstorm-Manier. Olschewski ist seither Freiwild für alle Vegetarier in den "sozialen Netzwerken".

Ungefähr zur selben Zeit verfasste die Autorin Hilal Sezgin auf Zeit online ein Plädoyer für die bedingungslose Liebe gegenüber allen Tieren dieser Welt. Sezgin plädiert für einen neuen Umgang mit Kuh und Schnecke, Karnickel und Gans. Sie schreibt: "Weltweit werden jährlich 65 Milliarden 525 Millionen Tiere geschlachtet. In den dreißig größten Kriegen der Menschheit sind insgesamt etwa 600 Millionen Menschen umgekommen." Damit setzt sie wissentlich die Opfer der Shoah und der Roten Khmer mit Mastschweinen gleich, die zu Käsekrainern verarbeitet werden. Oder Hühnern, die als Chicken-Nuggets in einer Aufklappschachtel enden.

Kollateralschäden

Die Autorin kann wahrscheinlich nichts für ihre kruden Vergleiche. Es handelt sich dabei um Kollateralschäden, die mit der Evolution westlicher Wohlstandsgesellschaften Hand in Hand gehen. Je besser es den Menschen geht, um über umso unwichtigere Sachen können sie sich den Kopf zerbrechen. Aber es geht noch mitfühlender. In einem Interview befragt Sezgin einen Tierethiker nach den moralischen Standards im Hinblick auf unsere Erdenmitbewohner. Jener belässt es nicht bei Grundrechten, sondern fordert auch noch Bürgerrechte für die Tierwelt. Sezgin fragt darauf: "Aber ein Wahlrecht für Katzen und Hunde können Sie ja wohl nicht meinen?" Wer so eine Frage ernsthaft stellt, gibt offen zu, wie weit er oder sie sich bereits mit beiden Beinen vom Boden entfernt hat.

Der Tierethiker verneint zwar, ein Wahlrecht für Tiere zu fordern, relativiert aber schon im darauffolgenden Satz: "Im Falle von Tieren kämen unter anderem Ombudsleute oder juristische Vertreter in Betracht." Und weiter: "Ganz generell umfassen Bürgerrechte für Tiere das Recht auf eine angemessene Unterkunft, auf Nahrungsmittel und medizinische Versorgung. Tiere können auch ihrerseits zur Gesellschaft beitragen, indem sie nicht belastende Arbeiten verrichten, uns Gesellschaft leisten oder indem wir ihre Produkte wie Eier, Wolle und Dung nutzen. Selbstverständlich dürften wir solche Leistungen erst unter gerechten Bedingungen einfordern, eben im Rahmen einer Mitbürgerschaft; und davon sind wir angesichts unserer ausbeuterischen Zustände derzeit Lichtjahre entfernt." Erst also wenn die Kuh beim Magistrat oder Bürgeramt ihre Staatsbürgerschaft und ihren Personalausweis bekommt, erst dann bricht der große Weltfrieden aus.

Mao Zedong und Pol Pot

Wie bei Moden üblich, kommen sie und verschwinden wieder. Bei den 68ern waren Unterdrücker und Massenmörder wie Mao Zedong oder Pol Pot schwer angesagt. In den Achtzigern breite Schulterpolster und Föhnfrisuren. Momentan ist es der Wille zum Fleischverzicht. Wem beim Anblick eines saftigen Steaks das Wasser im Mund zusammenläuft, der muss damit rechnen als eiskalter Gefühlsklotz dazustehen.

Ging die Philosophie einst großen Fragen wie der nach einer Welt als Wille und Vorstellung nach, kann man sich heute mit ganz anderen Sinnfragen die Zeit vertreiben: Was macht eigentlich ein Tierrechtler, wenn er von einer Mücke gestochen wird? Ein Dilemma, das nur noch von einem Dschungelcamp-Bewohner übertroffen werden könnte, der nicht vor Ekel, sondern aus ethischen Gründen einer Raupe nicht den Kopf abbeißen will.

Die Welt ist inzwischen weit absurder, als Albert Camus das je für möglich gehalten hätte. (Oliver Jeges, DER STANDARD, 22.2.2014)


Oliver Jeges (31) ist Journalist und Autor. Demnächst erscheint sein Buch "Generation Maybe" bei Haffmans

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