Symbiose der Harmlosigkeit

21. Februar 2014, 19:10
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Die Wiener Philharmoniker im Musikverein

Wien - Der Glaube, dass es in der Kunst einen Fortschritt geben würde, wurde im 20. Jahrhundert erschüttert. Ebenso wäre es eine Schimäre zu meinen, dass in der Interpretation (abgesehen von technischen Fähigkeiten und Leistungskraft) ein State of the Art erreicht werden könne, nach dem kein Zurück mehr möglich sei.

Mozart und die Wiener Klassik gelten für die Wiener Philharmoniker als angestammtes Terrain, doch scheint es hier längst nicht mehr nur eine wahre Art zu geben, diese Musik zu spielen. Und so kann auch eine Wiedergabe im Bereich des Wahrscheinlichen die gesamten Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis wie eine geplatzte Seifenblase wirken lassen.

So geschah es im Musikverein mit Dirigent Franz Welser-Möst und der C-Dur-Symphonie KV 200: brav exekutiert, vordergründig angenehm zu hören, jedoch von einer Harmlosigkeit, die alle Absonderlichkeiten des Werks Lügen strafte: Regelhafte und kühne Passagen wurden gleichermaßen adrett abgespult, Kontraste verschliffen, dissonante Harmonien mit derselben Patina versehen wie normale Akkorde.

Dass auch zeitgenössische Musik auf hohem Niveau die Früchte des bislang Erreichten ernten und dabei sehr gute Figur machen kann, zeigte dann On Comparative Meteorology von Johannes Maria Staud: Dirigent und Orchester stellten das glitzernde Klangfarbenkaleidoskop in günstigstes Licht und ließen dabei weder Präzision noch Virtuosität vermissen; ein größerer Spannungsbogen findet sich womöglich demnächst.

Auch die 6. Symphonie von Bruckner würde eine zweite Chance verdienen. Obwohl auch bei ihr keine lange Liste der Verfehlungen möglich war, mangelte es bei aller Opulenz an innerem Zwang, am Timing von Übergängen, mitunter am sinnigen Ineinandergreifen von Einsätzen. So geriet sie zur imposanten Leistungsschau, besonders für die Blechbläser. Für die US-Tournee ist man also gut gewappnet. Welser-Möst kann die Reise mit dem frisch verliehenen Ehrenring der Philharmoniker antreten, der ein "Symbol der Symbiose" sein soll. Wirkliche künstlerische Höhenflüge stehen indessen noch aus. (Daniel Ender, DER STANDARD, 22.2.2014)

  • Mit den Wiener Philharmonikern in die USA: Dirigent Franz Welser-Möst.
    foto: apa/georg hochmuth

    Mit den Wiener Philharmonikern in die USA: Dirigent Franz Welser-Möst.

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