Verpartnerung in Sotschi

Kommentar21. Februar 2014, 18:16
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Österreich hat bei den Winterspielen mehr als nur sportliche Fortschritte verpasst

Die 16 österreichischen Medaillen von Vancouver 2010 werden sich in Sotschi wohl nicht mehr ausgehen. Das lässt sich schon sagen, bevor aller Olympiatage Abend ist. Die Zweistelligkeit immerhin wurde erreicht, vielleicht kommt am finalen Wochenende noch etwas hinzu, vielleicht auch nicht.

Alles andere ist primär, damit könnte man sich trösten, und das tut man denn auch. Das ÖOC, also grob gesprochen: der Skiverband (ÖSV), hat über seine Partner Kronen Zeitung und ORF beinahe täglich die Gastfreundlichkeit und Stimmung im Österreich-Haus loben lassen. Und gab es keine österreichischen Erfolge zu feiern, so kamen Deutsche und Schweizer, weil in ihren Häusern weniger los war. Andere Länder, andere Häuser? Die anderen hatten es ganz bewusst nicht darauf angelegt, so zu tun, als wäre in Russland alles eitel Wonne, als wären die Spiele eine reine Sportveranstaltung und sonst nichts. Andere waren in ihren Häusern nicht gar so erpicht gewesen auf einen Besuch von Wladimir Putin, auf gemeinsame Schnäpse, auf Umarmungen und Fotos.

Der Sport dient als Zugmaschine. Die Frage nach Menschenrechtsverletzungen in Russland hatte Karl Stoss, Präsident des ÖOC und Generaldirektor der Casinos Austria, im Standard-Interview wie folgt kommentiert. "Ich muss sagen, dass in der Russischen Föderation viel geschehen ist. Ich reise viel in Russland. Ich habe eine Lotterie in Baschkortostan." Der Singular majestatis fällt noch am wenigsten ins Gewicht. Natürlich hat der mit Russland verpartnerte Stoss Interessen, die weit über den Sport hinausgehen. Und sollte sich Sotschi, wie kolportiert wird, bald in ein russisches Las Vegas verwandeln, so hätten die Casinos vielleicht schon einen Fuß in der Tür.

Österreichs Sport hat sich in Sotschi insgesamt nicht mit Ruhm bekleckert. Das hatte zumindest in einem Fall auch mit dem Österreich-Haus zu tun, wo die Spritztour der Eishackler am Vorvorabend der entscheidenden Partie (0:4 gegen Slowenien) ihren Ausgang nahm. Eine andere, auch nicht geringe Verfehlung betraf den Skiverband, der den Chef seiner Entwicklungsabteilung verbotenerweise auf dem Skisprungturm das Material der Gegner fotografieren ließ. Der ÖSV, einer der größten und wichtigsten Verbände im Weltverband (FIS), kam mit einer FIS-Verwarnung davon. In den mit dem ÖSV verpartnerten Organen blieb der Fall weitgehend unbesprochen und unkommentiert.

Ob es ernsthafte ÖOC-Konsequenzen für den Skiverband oder die Eishackler gab oder geben wird? Dazu ist Österreichs Sport viel zu sehr in sich selbst verflochten, mit sich selbst verpartnert. Nur zum Beispiel firmiert Peter Mennel, der Generalsekretär des ÖOC, gleichzeitig als Finanzreferent im ÖSV-Vorstand sowie als Präsident der Eishockeyliga. Sich selbst zur Brust nehmen, das geht nicht.

Die Strukturen gehörten aufgebrochen, Förderrichtlinien vereinfacht - mit genau diesem Ziel tritt ein Sportminister nach dem anderen an, um rasch festzustellen, dass er selbst Teil der Struktur und Opfer seiner Situationselastizität geworden ist. Ob der von Gerald Klug als Retter des Sommersports eingesetzte ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel der Aufgabe gewachsen ist, bleibt abzuwarten. Wenn es im Winter schon keinen Fortschritt gibt, so ist im Sommer ein Rückschritt immerhin ausgeschlossen. Die null Medaillen von London 2012 gehen sich in Rio 2016 locker wieder aus. (Fritz Neumann - 21.2.2014)

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