Krisenländer: Wie sich EU und IWF verschätzten

21. Februar 2014, 17:38
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Falsche Annahmen, übertriebene Erwartungen: Studie ortet grobe Schwächen im Reformkurs der Eurozone

Wien – Die entscheidende Frage für die Zukunft der Eurozone ist, ob die Peripherieländer Griechenland, Portugal und Zypern in absehbarer Zeit wieder auf die Beine kommen und ob der aktuelle Reform- und Sparkurs dabei hilfreich ist. Eine neue Studie lässt daran Zweifel aufkommen.

Ein Forscherteam des renommierten Bruegel-Instituts in Brüssel rund um den Ökonomen An­dré Sapir hat sich die Entwicklung der vier Euroländer, die unter den Rettungsschirm geschlüpft sind (Griechenland, Irland, Portugal, Zypern) näher angesehen. Zentrale Fragestellung dabei war, ob die von den Geldgebern, also von der EU und dem Internationalen Währungsfonds (IWF), ausgearbeiteten Programme für die vier Länder erfolgreich waren. Das Bruegel-Team hat dafür mehrere Prüfkriterien entwickelt. Zunächst wurde untersucht, ob die Programmländer die Vorgaben ihrer Geldgeber umgesetzt haben.

Dafür haben die Ökonomen auf die Bewertung von EU und IWF selbst zurückgegriffen, die seit 2010 mehr als 4000 Seiten an Berichten zu den Fortschritten in Griechenland, Irland, Portugal und Zypern erstellt haben. Ergebnis der Analyse: Ja, im "Großen und Ganzen"  haben sich alle Programmländer an die Vorgaben gehalten. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung hat selbst Griechenland nach einigen Verzögerungen 2011 und 2012, die Spar- und Reformziele umgesetzt.

Untersucht wurde in einem zweiten Schritt, ob die Prognosen der Geldgeber eingetroffen sind. In diesem Punkt sind sowohl EU als auch IWF durchgefallen. Im Jahr 2010 etwa haben die EU-Kommission in Brüssel und der IWF in Washington Griechenland bis zum Jahr 2013 einen kumulativen Wirtschaftseinbruch von 3,5 Prozent vorhergesagt. Geworden ist es ein Minus von 20,6 Prozent.

Im Falle Portugals wurde bis 2013 ein Einbruch der Wirtschaftsleistung von 2,6 Prozent prognostiziert, tatsächlich schrumpfte die Wirtschaft um mehr als sechs Prozent. Lediglich bei Irland stimmten die Vorhersagen ungefähr. Aber nicht nur bei Wachstum: Die Ökonomen von EU/IWF haben sich bei nahezu allen relevanten Daten wie Arbeitslosigkeit, Verschuldung und Defizit grob verschätzt.

Verantwortlich dafür sind laut Bruegel-Ökonomen mehrere Faktoren. Zunächst wurden die "fis­cal multipliers"  falsch eingeschätzt. Was ist gemeint? EU und IWF gehen aufgrund historischer Erfahrungen in ihren Prognosen davon aus, dass jeder Euro, um den das Staatsdefizit gesenkt wird, die Wirtschaftskraft eines Landes um etwa 0,5 Euro schwächt. Tatsächlich dürfte dieser Wert weit höher sein.

Ein weiterer Grund, warum die Vorhersagen so falsch waren, ist, dass die Wirtschaft in der Eurozone stärker eingebrochen ist, als erwartet. Hinzu kommt, dass die Kreditgeber die Ausgangslage wie es heißt, in vielen Fällen zu optimistisch eingeschätzt haben – die hohe Verschuldung der Haushalte in Griechenland, Irland und Portugal etwa habe sich als viel größerer Wachstumshemmer erwiesen, als erwartet.

Die Bruegel-Ökonomen warnen jedenfalls davor, ein Land, das den Rettungsschirm verlassen hat, (bisher nur Irland) als gesundet einzustufen. Problem – fragiles Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit – verschwinden mit dem Abzug der EU/IWF-Experten nicht. (András Szigetvari, DER STANDARD, 22./23..2.2014)

 

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