Der Slalom, das Röhren, die Bettflucht

21. Februar 2014, 17:36
20 Postings

Die ÖSV-Skitechniker wollen den Slalom am Samstag zum versöhnlichen Abschluss nutzen

Krasnaja Poljana - Dass einer, der das Sieglaufen so gewöhnt ist wie Marcel Hirscher, ins Röhren gerät, wenn ihm Blech nachgeschmissen wird, liegt gewissermaßen auf der Hand. Allerdings - und darauf dringt eben auch oder gerade dieser Marcel Hirscher - ist das Röhren nichts rückwärtsgewandt Aufarbeitendes. Sondern, um es so zu umschreiben, etwas offensiv Zukunftsträchtiges.

Marcel Hirscher ist auf den finalen Olympiaslalom echt gamsig. Drei Tage nach seinem vierten Platz im Riesentorlauf geht er am Samstag auch als slalomnistischer Favorit ins Rennen. Der anfänglich gewaltige Frust hat sich mittlerweile in Vorfreude auf seine zweite Chance verwandelt. "Ich freu mich so richtig auf dieses Rennen. Der Hang ist sehr anspruchsvoll, steil." Quasi wie für ihn geneigt, präpariert, hergerichtet also. Aber: "Gold wäre abartig!" Weil, auch quasi, es wäre wegen des Verschreiens. Deshalb: "Eine Medaille, egal welche." Konkurrenz gebe es sowieso sonder Zahl, auch weil: "Olympische Spiele sind schon etwas Eigenes."

Ein guter, um nicht zu sagen sehr guter Teil dieser Konkurrenz kommt aus dem eigenen Rudel. Nach fünf WM-Medaillen möchte sich etwa Mario Matt seine erste Olympia-Trophäe - so lesen wir es mit Genuss und Belehrung in der Austria Presse Agentur - "schnappen". Wobei sich der zum Schnappen Entschlossene von diesem Vorhaben seinerseits nicht schnappen lassen möchte, weshalb er auch auf das Lebensmotto aller wahrhaft Lebenserfahrenen zurückgreift, zum schönen, zeitlosen "Muaß sein und net aa". Matt: "Wenn's sein will, dann wird's passen. Wenn nicht, wird das Leben auch weitergehen."

Dem kann der grade ein Jahr ältere, 35-jährige Benjamin Raich - auch nicht gerade erfolgsverwöhnt zuletzt - beitreten. Ab einem gewissen Alter steht das Röhren im Vordergrund, nicht das mit dem Röhren Bezweckte. "So einen Spaß", freut sich demnach der Lebensmensch der Marlies Schild, "hatte ich beim Skifahren schon lange nicht."

Keine Gaudi

Freilich, seinen Darabos hat der g'standene Tiroler allemal intus: "Zur Gaudi Ski fahren kann ich in Kanada oder daheim im Pitztal auch. Ich fahre hier bei Olympia mit, um etwas Großes zu erreichen, sprich: eine Medaille zu holen." Den Burgenländer - der längst schon nicht mehr Sportminister ist, sondern weit Unangenehmeres zu bejammern hat als die sportliche Patschachterheit bei Olympia in London - wird es freuen, dass sein Mahnen sich bis in die kaukasische Bergwelt durchgesprochen hat.

Platz sieben im Riesentorlauf hat laut Raich für Raich unterstrichen, dass er nach wie vor ganz vorn mitfahren kann. Wehmut kommt beim Doppel-Olympiasieger angesichts des letzten Rennens kaum auf (bzw. dringt nicht nach außen). "Solche Gedanken sind fehl am Platz. Ich will das Rennen genießen."

Reinfried Herbst lässt sich in die Wehmut schon ein bisserl fallen. "2006 hab ich als Grünschnabel Silber gewonnen, 2010 bin ich als Topfavorit Zehnter geworden." Jetzt geht es ans Adieu, quasi ans retrospektive Röhren. "Einmal möchte ich noch so unbeschwert ins Rennen gehen wie 2006. Da hab ich sogar zwischen den Durchgängen geschlafen wie ein Baby." Heute, 35-jährig, winkt schon von weitem die senile Bettflucht. (APA, wei - DER STANDARD, 22.2. 2014)

  • Marcel Hirscher genießt im Stangenwald die Einsamkeit des Trainings. Er freut sich auf sein zweites und letztes Rennen bei den Spielen.
    foto: ap/trovati

    Marcel Hirscher genießt im Stangenwald die Einsamkeit des Trainings. Er freut sich auf sein zweites und letztes Rennen bei den Spielen.

Share if you care.