"In Österreich ist Rassismus salonfähig"

22. Februar 2014, 18:38
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Filmemacherin Anja Salomonowitz über schlechtes Gewissen und die österreichische Angst vor allem Fremden, aber auch den Hang zum skurrilen Humor, der Wien lebenswert macht. Petra Stuiber hat nachgefragt

STANDARD: Warum treffen wir uns im Café Amacord am Naschmarkt? Ist das für Sie ein besonders wienerischer Platz oder Ihr Stammcafé?

Salomonowitz: Ich wohne hier in der Nähe, und ich finde den Raum ganz gemütlich. Und ich habe mir gedacht, es hat wienerisches Flair, und das Licht ist hier gut für Ihre Fotos (lacht).

STANDARD: Was ist typisch Wien?

Salomonowitz: Ein Beispiel: Mein erster kurzer Dokumentarfilm an der Filmakademie, Carmen, drehte sich um eine Frau, die in das Schikaneder-Kino verliebt war - und zwar im Wortsinn. Sie hat mit dem Kino geredet, mit dem Kino geschlafen, eine richtige Fetisch-Geschichte. Der normale Zugang wäre vielleicht gewesen, einen Psychiater im Film über diese Frau sprechen zu lassen. Ich habe aber ihre Kino-Liebe, diese wundersame Leidenschaft, wie eine schöne Metapher empfunden, um über Projektion im Kino oder über das Sterben der kleinen Kinos zu sprechen. Damals habe ich in Berlin studiert und den Film dort geschnitten. In Deutschland haben sich alle gewundert, den Humor überhaupt nicht verstanden und mich ständig gefragt, ob das echt ist oder ob ich das geschrieben habe. In Wien hat mich das keiner gefragt, da war allen völlig klar, dass das komplett ernst gemeint ist von ihr. Diese Form von Humor und Skurrilität gibt's nur hier.

STANDARD: Ist Wien ein gutes Pflaster für Filmschaffende?

Salomonowitz: Im Prinzip schon. Es gibt die kleine Filmförderung des Ministeriums für Unterricht und Kunst, da werden sehr hybride Projekte, die zum Beispiel eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm sind, gefördert. Natürlich ist in diesem Topf viel zu wenig Geld, keine Frage - aber dass es überhaupt möglich ist, dass wir Filmschaffenden diesen Spielraum haben, das entspricht einer österreichischen Tradition: Wir haben hier einen Hang zu seltsamen, hybriden Formen.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Salomonowitz: Obwohl die Filmförderung komplett unterdotiert ist - was ich auch kritisiere -, gibt es dennoch Geld für Filme, die anders sind. Das passiert in Deutschland nicht.

STANDARD: Auf Ihrer Homepage steht, Ihre Bildsprache wandle "zwischen Dokumentation, Erzählung und Forderung im konkreten Bezug auf gesellschaftliche und politische Verhältnisse". Welche Forderung?

Salomonowitz: Es bedeutet zu fordern, dass sich konkrete Zustände ändern sollen. In meinem letzten Film beispielsweise, Die 727 Tage ohne Karamo, geht es um Menschen, die binational geheiratet haben - an sich schon ein absurder Ausdruck: Er bedeutet in dem Fall, dass ein Teil aus Österreich stammt und ein Teil aus einem Drittstaat. Es geht um den Kampf all dieser Paare mit dem österreichischen Fremdenrecht. Mein Ziel war, dass sich die Worte von den Menschen abheben und man dahinter die allgemeine Struktur sehen kann. Ich wollte die Menge an Paaren zeigen, die durch unsere Gesetze verhindert werden sollen. Ziel ist, dass Zuseher in dem Moment, in dem sie die Zusammenhänge verstehen, sie verändern wollen.

STANDARD: Das ist Agitation.

Salomonowitz: Ja - oder eben politische Forderung. Ich finde, Filme dürfen agitatorisch und sogar polemisch sein. Ich habe keinen Anspruch darauf, dass meine Arbeit allen Seiten gerecht wird. Mein Film übernimmt die Stimme dieser Paare. Wobei ich klarstellen möchte: Das sind keine hilflosen Opfer, die man bemitleiden muss. Das sind Menschen, die wahnsinnig stark sind und sich mit den schwierigsten Paragrafen gut auskennen.

STANDARD: Warum ist Österreich so misstrauisch gegenüber allem Fremden?

Salomonowitz: Das kommt ganz klar aus einem vorhandenen Rassismus heraus.

STANDARD: Rassismus gibt es anderswo auch.

Salomonowitz: Das ist leider kein Trost. Würde man eine Familienaufstellung machen, würde man herausfinden, dass noch viel an schlechtem Gewissen da ist, das nie begriffen wurde, und an Verdrängtem, das immer wieder hochkommt. In Österreich ist Rassismus salonfähig, der sich auch in staatlichen Strukturen niederschlägt. Obwohl in der ganzen EU ähnliche restriktive Migrationsgesetze herrschen, sagen viele Flüchtlinge, dass Österreich eines der Länder ist, in dem es am schwierigsten ist zu überleben. Du wirst zum Beispiel in der U-Bahn kontrolliert, nur weil du schwarz bist.

STANDARD: Sie haben auch einen Film gedreht, in dem Ihre jüdische Großmutter sagt: "Das wirst du nie verstehen." Ist das so?

Salomonowitz: Ich habe zumindest versucht, das Schweigen zu verstehen. In meiner Familie gab es drei Omas. Die eine, mütterlicherseits, die das typische Mitläufertum repräsentiert; meine jüdische Oma Hanka väterlicherseits aus Prag, die Auschwitz überleben musste, und dann gab es noch die Kinderfrau, die wir "Tante" genannt haben. Sie hat im Widerstand gegen die Nazis geholfen, weil ihr Onkel bei der ÖBB war und dort Leute geschmuggelt und Pässe gefälscht hat. Sie hat für ihn als 14-Jährige Flugzettel verteilt.

Ich habe also alle drei Erinnerungskollektive in der Familie - und dieses Schweigen. Meine Oma, weil sie sich nicht erinnern wollte, die Hanka, weil sie nicht aufhören konnte, sich zu erinnern. Ich habe diese verschiedenen Formen des Schweigens im Film untersucht. Mir ging es dabei nicht um einen klassischen Oral-History-Film. Ich wollte sehen: Wo hört jemand auf zu sprechen, wo lügt jemand, wo spricht man aus einer kollektivierten Sprache heraus, um sich zu schützen. Es geht um eine Sprache der Verdrängung, die man sich im Kollektiv langsam erarbeitet hat. Es ist kein Zufall, dass viele Leute nach dem Film zu mir sagten: Lustig, deine Oma spricht wie meine.

STANDARD: Haben Sie persönlich Antisemitismus erfahren?

Salomonowitz: Ich habe Gott sei Dank nie einen persönlichen Übergriff erleben müssen. Es hat manchmal, in Gesprächen, etwas Exotisches, wenn ich erzähle, dass ich Jüdin bin - aber eher positiv.

STANDARD: Hat Ihre Themenfindung als Filmemacherin etwas mit Ihrer Familiengeschichte zu tun?

Salomonowitz: Ja, ich denke schon, in erster Linie durch die Erziehung meiner Tante, der "waschechten Sozialistin", wie sie sich selbst genannt hat. Sie war ein sehr mitfühlender Mensch. Und ich denke auch, dass das mit meinem Judentum zusammenhängt. Ich wurde beispielsweise in der jüdischen Jugendorganisation Haschomer Hatzair sozialisiert, wo es eine starke Auseinandersetzung mit dem Holocaust gibt und sich die Jugendlichen immer wieder fragen, wie so etwas möglich war. Daraus entwickelte sich dann ein generelles Unrechtsbewusstsein. Das hängt bestimmt damit zusammen.

STANDARD: Sie sagten einmal, Sie erziehen Ihre Söhne jüdisch, "aber nicht so jüdisch, wie unsere Mutter uns erzogen hat".

Salomonowitz: Meine Söhne lernen bei einer tollen Lehrerin Iwrit, Hebräisch, schreiben. Ich finde das gut, weil es ihr Denken anregt, und es ist schön, wenn sie etwas Spezielles können. Dadurch haben sie auch schneller Deutsch lesen und schreiben gelernt. Aber es ist kein Religionsunterricht, es geht nur darum, dass sie die lustigen Zeichen lesen können. Ich finde religiöse Erziehung für meine Kinder nicht wichtig. Ethikunterricht dagegen fände ich großartig.

STANDARD: Sind Sie selbst religiös erzogen worden?

Salomonowitz: Ich würde es nicht religiös nennen, vielmehr traditionell. Meine Mutter ist übergetreten, und es war ihr sehr wichtig, alle Feste zu feiern und uns diese Grundlage für unser Leben mitzugeben. Ich war auch in einer jüdischen Schule, was einen Gutteil der Prägung ausmacht. Ich konnte also Hebräisch schreiben und lesen. Lesen kann ich es immer noch, ich verstehe es nur nicht, weil ich die Übersetzung vergessen habe. Für mich ist das Judentum eine Mischung aus Kindheitserinnerung und Lebensgefühl. Letzteres, weil ich glaube, dass daraus auch ein Auftrag erwächst.

STANDARD: Wie sehen Sie die Aufregung um den Akademikerball?

Salomonowitz: Es ist eine bodenlose Frechheit und unerhört, dass der Ball stattfinden kann. Es ist absolut lächerlich, dass das nicht längst unterbunden wird. Und ich bin voll auf Seiten derer, die hier demonstriert haben. Das ist doch verdreht - die Polizei muss sich doch auch fragen, wen sie da schützt.

STANDARD: Warum ist das verdreht?

Salomonowitz: Verdreht ist, dass unter einer rot-grünen Stadtregierung die halbe Innenstadt für die Bevölkerung gesperrt wird, nur damit manche rechtsradikale Menschen sich in Ruhe austauschen können. Die Politik müsste das Gegenteil tun: klare Zeichen setzen, dass dieses Gedankengut unerwünscht ist.

STANDARD: Peter Menasse propagiert in seiner Streitschrift "Rede an uns" ein selbstbewusstes Judentum, das "raus aus der Opferrolle" kommen müsse. Stimmen Sie ihm zu?

Salomonowitz: Grundsätzlich halte ich nichts davon, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Ich bin dankbar und finde es richtig, wenn Ö1 zum hundertsten Mal Briefe aus Auschwitz verliest, ich mag die Covers auf dem Profil - und ich hoffe sehr, dass dieser angefangene Prozess der Aufarbeitung noch lange andauert.

STANDARD: Besteht nicht die Gefahr der Abstumpfung?

Salomonowitz: Als Waldheim für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte, ging ich in die Schule. Ich war damals völlig sicher, dass niemand ihn wählen würde. Als er dann Präsident wurde, ist meine Kinderwelt zusammengebrochen. Mein ganzes Bild vom Staat Österreich und von den Menschen hier ist ins Wanken geraten. Solange die Aufarbeitung nicht abgeschlossen ist, kann man nicht an Abstumpfung denken.

STANDARD: Was soll sich in Wien in der Zukunft verändern?

Salomonowitz: Ich wünsche mir eine andere Fremdenpolitik und eine neue Bildungspolitik, die das Bewusstsein der Menschen schärft. Und ich wünsche mir eine signifikante Erhöhung der Filmförderung, die dem angepasst ist, wie viele Menschen hier gute Filme machen. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 22.2.2014)


ANJA SALOMONOWITZ (37) ist Filmemacherin. Sie studierte an den Filmhochschulen in Wien und Berlin. Ihre Arbeiten, unter anderem die Dokumentationen "Das wirst du nie verstehen" über ihre Familiengeschichte und "Kurz davor ist es passiert" über Frauenhandel, erhielten zahlreiche internationale Filmpreise. Ihr neuester Film "Die 727 Tage ohne Karamo" über die behördlichen Schwierigkeiten binationaler Paare kam 2013 ins Kino. Anja Salomonowitz lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Wien.

  • Filmemacherin Salomonowitz spürt einen Auftrag: "Filme dürfen agitatorisch und sogar polemisch sein. Ich habe keinen Anspruch, dass meine Arbeit allen Seiten gerecht wird."
    foto: andy urban

    Filmemacherin Salomonowitz spürt einen Auftrag: "Filme dürfen agitatorisch und sogar polemisch sein. Ich habe keinen Anspruch, dass meine Arbeit allen Seiten gerecht wird."

  • "Es ist eine bodenlose Frechheit und unerhört, dass der Akademikerball stattfinden kann."
    foto: andy urban

    "Es ist eine bodenlose Frechheit und unerhört, dass der Akademikerball stattfinden kann."

  • "Würde man eine Familienaufstellung machen, würde man herausfinden, dass noch viel an schlechtem Gewissen da ist."
    foto: andy urban

    "Würde man eine Familienaufstellung machen, würde man herausfinden, dass noch viel an schlechtem Gewissen da ist."

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