Die Provokation der Tigermutter: Amy Chua über Einwanderung

22. Februar 2014, 14:00
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Amy Chua schilderte, mit welch autoritären Methoden sie ihre Töchter erzog. Jetzt versucht sie zu erklären, warum bestimmte Einwanderergruppen in Amerika mehr Erfolg haben als andere

Als Amy Chua in die vierte Klasse ging, wurde sie schlimm gehänselt an ihrer amerikanischen Schule, wegen ihres Aussehens, ihres Fleißes, ihrer Art zu sprechen. Aufgewühlt klagte sie zu Hause ihr Leid, aber anstelle von Trost bekam sie eine Gardinenpredigt. "Warum hörst du überhaupt hin, wenn diese Idioten das rufen?", schimpfte ihre Mutter. "Wieso denkst du auch nur eine Sekunde darüber nach?"

Wenn Chua die Episode erzählt, wie jetzt bei einer Lesung im Politics & Prose, Washingtons bestem Buchladen, bebt ihre Stimme noch immer. Es muss ein Schlüsselerlebnis gewesen sein, aber hier ist es der Versuch, das Selbstverständnis ihrer Mutter zu illustrieren. Uralte chinesische Kultur gegen die Ignoranz von Barbaren, die man nicht ernst nehmen kann, ungefähr so. "Ein Überlegenheitskomplex", sagt die Autorin und weiß sofort, dass sie mit der These Anstoß erregt. 

Kontroverse Debatten

Die 51-Jährige, Jus-Professorin an der elitären Universität Yale, hat schon einmal für kontroverse Debatten gesorgt. Vor drei Jahren schrieb sie "Battle Hymn of the Tiger Mother", einen gegen den Strich bürstenden Erziehungsberater, in dem sie schilderte, wie sie ihre Töchter zu Höchstleistungen trieb - Stofftiere verbrannte, das Fernsehen verbot und stundenlange Klavierlektionen anordnete. Seitdem kennt man Chua nur noch als die Tigermutter, und nun hat sie es erneut auf Provokation angelegt.

Ihr zweiter Bestseller, ein Gemeinschaftswerk mit ihrem Mann, dem Verfassungsrechtler Jed Rubenfeld, ist noch kantiger als der erste. Darin geht das Paar der Frage nach, wieso bestimmte ethnische, religiöse und kulturelle Gruppen überproportional erfolgreich sind. Indischstämmige Amerikaner verdienen fast das Doppelte des statistischen Mittels. Mormonen führen auffallend viele Konzerne, Juden stellen ein Drittel aller Nobelpreisträger der USA, obwohl sie nur zwei Prozent der Bevölkerung bilden. Kubaner, Iraner, Libanesen und Nigerianer bringen es zwischen Miami und Seattle ebenfalls ziemlich weit.

"Neuer Rassismus"

Warum? Drei Eigenschaften, glauben Chua und Rubenfeld, bestimmen über den Erfolg, das "Triple Package", der Dreierpack, wie sie ihr Buch betiteln. Erstens das Gefühl, als Gruppe etwas Besonderes zu sein. Zweitens, nur scheinbar ein Widerspruch, ein Gefühl latenter Selbstzweifel, das oft brennenden Ehrgeiz produziere. Drittens Selbstbeherrschung, nach dem Verhaltensmodell willensstarker Kindergartenkinder, die ein Marshmallow nicht anrühren, weil sie später ein zweites bekommen, wenn sie das erste nicht gleich verspeisen.

Es ist vermintes Gelände, auf dem sich die beiden Provokateure bewegen. "Offenbar ist es normal geworden, bestimmten Modell-Minderheiten kulturelle Überlegenheit zuzuschreiben, aber ich nenne das den neuen Rassismus", protestiert Suketu Mehta, geboren in Kalkutta, heute Journalismus-Dozent in New York. Im Politics & Prose meldet sich irgendwann ein Akademiker mit jüdischen Wurzeln zu Wort. Er lehne es ab, sich über eine Gruppe zu definieren, das passe nicht zu Amerika. "Unser Credo ist doch gerade, dass es auf den Einzelnen ankommt und wir keinen in eine Schublade stecken." (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 22.2.2014)

  • Amy Chua sorgt mit provokanten Thesen einmal mehr für Aufsehen. Ihr neues Buch "Triple Package" ist ein Bestseller in den USA.
    foto: manish swarup/ap/dapd

    Amy Chua sorgt mit provokanten Thesen einmal mehr für Aufsehen. Ihr neues Buch "Triple Package" ist ein Bestseller in den USA.

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