"Trend beim Wechseln geht in richtige Richtung"

Interview22. Februar 2014, 12:00
16 Postings

Gaskunden hatten früher wenig Optionen und damit auch wenig Motivation, ihren Lieferanten zu wechseln, sagt der Chef der E-Control, Walter Boltz.

STANDARD: Viel Feind viel Ehr, heißt es. Wenn man sich in Erinnerung ruft, wie heftig vor einem Jahr die Kritik der Branche am neuen Gasmarktmodell war, müssen Sie einen extrem schweren Rucksack zu schleppen gehabt haben?

Boltz: Anfang 2013, als das neue Gasmarktmodell implementiert wurde, gab es zwar Irritationen. Inzwischen hat sich das aber gelegt. Selbst die Gashändler, die im ersten Quartal 2013 weggeblieben sind, mischen nun wieder mit.

STANDARD: Und der Wettbewerb ...

Boltz: ... hat sich intensiviert. Wir haben zwar noch nicht die große Flut an neuen Anbietern. Dennoch ist die Zahl der registrierten Gasversorger gestiegen, im Osten Österreichs beispielsweise von 58 Anfang 2012 auf nunmehr 62. Und weitere haben Interesse angemeldet, aktiv zu werden. Außerdem hatten wir im Vorjahr die höchste Wechselrate seit Beginn der Liberalisierung in Österreich - 2,5 Prozent. Fast 34.000 Gaskunden haben einen neuen Lieferanten gesucht und auch gefunden, 45 Prozent mehr als 2012.

STANDARD: Mit Verlaub, das ist im Vergleich mit anderen Ländern in Europa noch immer wenig, oder?

Boltz: Das stimmt, aber der Trend geht in die richtige Richtung.

STANDARD: Mit dem neuen Gasmarktmodell hat das aber nichts zu tun, oder?

Boltz: Doch. Wann erhöht sich die Wechselrate? Wenn neue Anbieter auftreten, die deutlich günstiger sind. Das war 2013 der Fall. Die Voraussetzungen, in Österreich tätig zu werden, haben sich für Gasanbieter im Vorjahr deutlich verbessert.

STANDARD: Inwiefern denn?

Boltz: Früher hätte ein Lieferant genau überlegen müssen, wie er das Gas bestmöglich zum Kunden bringt. Er hätte es in Form von Tagesbändern importieren, aber auf Stundenbasis weiterverkaufen müssen. In den Abendstunden, wenn der Bedarf am größten ist, hätte der Lieferant mehr, untertags weniger Gas in das Netz einspeisen und die Differenz über einen Speicher abpuffern müssen - ein teures Unterfangen. Seit wir gegen den Widerstand der Branche sämtliche Kleinkunden auf Tagesbilanzierung umgestellt haben, fällt das weg.

STANDARD: Die neuen Anbieter am Gasmarkt kommen fast ausschließlich aus Deutschland. Warum?

Boltz: Klar ist, dass sich im Haushaltsbereich ein deutscher Anbieter in Österreich leichter tut als einer aus Ungarn oder Frankreich. Die Sprachbarriere fällt weg, Werbematerial muss nicht neu gedruckt werden, Backoffice-Aufgaben können von der Zentrale in Deutschland miterledigt werden. Wäre der Markt größer, wären die Kosten für die Kundenakquise vernachlässigbar. Österreich ist mit 1,2 Millionen Gaskunden ein kleiner Markt.

STANDARD: Die Branche bezweifelt, dass die Wechselraten irgendetwas aussagen. Eine niedrige Wechselbereitschaft könnte auch heißen, dass die Kunden zufrieden sind mit ihrem angestammten Versorger?

Boltz: Die Kunden sind mit den Netzdienstleistungen zufrieden, die Netztarife sind überschaubar gestiegen, technisch funktioniert das alles gut. Die Frage der Kosten ist eine andere. Da gab es in der Vergangenheit nicht viele Optionen, auch weil alle Unternehmen ihr Gas im Rahmen ähnlicher Verträge von Russland - sprich Gasprom - gekauft haben. Wenn alle relativ ähnliche Preise im Einkauf haben, gibt es logischerweise wenig Spielraum für Wettbewerb.

STANDARD: Die Großhandelspreise für Gas waren aber deutlich tiefer?

Boltz: Die Firmen waren daher gezwungen, ihren Großkunden einen wettbewerbsfähigen Preis zu bieten. Sie haben Verluste auf sich genommen, um Kunden zu halten, und haben versucht, das Minus auf andere Weise zu kompensieren - indem sie höhere Preise von den Gewerbe- und Haushaltskunden verlangt haben. Neue Anbieter können sagen, wir haben keine Altverträge, wir kaufen das Gas günstig ein, verkaufen es mit einer Marge weiter und sind dennoch billiger als andere.

STANDARD: Trittbrettfahrer?

Boltz: Warum soll man für etwas zahlen, das bei heutigen Marktgegebenheiten nicht mehr benötigt wird? Früher haben die Käufer von Gas die notwendige Liquidität mit dem Verkäufer individuell vereinbart. Das war Teil der Langfristverträge. Jetzt gibt es Intraday- und Day-Ahead-Märkte, Differenzmengen können kurzfristig zugekauft und auch verkauft werden. Für diese Form der Flexibilität braucht es keine Speicher mehr. Unterm Strich erspart man sich somit Geld.

STANDARD: Würden Sie den alteingesessenen Gasversorgern auch empfehlen, auf Kurzfristbeschaffung zu setzen?

Boltz: Man wird nicht alles kurzfristig kaufen, es wird sich ein Mix herauskristallisieren. In ein paar Jahren wird es üblich sein, dass die zehn bis 15 Prozent, die an flexiblem Gas benötigt werden, kurzfristig besorgt werden. Über ganz Europa betrachtet ist es ja selten so, dass es zur selben Zeit überall kalt ist. Und wenn es tatsächlich einen Engpass gäbe, gibt es Preisspitzen und sicherlich den einen oder anderen Industriebetrieb, der sagt, ich verkaufe mein Gas, bekomme einen Superpreis dafür und schicke meine Leute eine Woche länger auf Weihnachtsurlaub. (Günther Strobl, DER STANDARD, 22.2.2014)

Walter Boltz (60) ist seit 2001 Geschäftsführer der E-Control GmbH, die mit der Regulierung des österreichischen Strom- und Gasmarktes betraut ist. Seit März 2011 ist Boltz, der Technische Physik an der TU Wien studiert hat, Mitglied des Vorstands. Er ist außerdem Vizepräsident des Zusammenschlusses der europäischen Energieregulierungsbehörden.

  • Walter Boltz: "Wir hatten im Vorjahr die höchste Wechselrate seit Beginn der Liberalisierung in Österreich."
    foto: apa/anna rauchenberger

    Walter Boltz: "Wir hatten im Vorjahr die höchste Wechselrate seit Beginn der Liberalisierung in Österreich."

  • Haushalte und Gewerbebetriebe mussten und müssen im Schnitt noch immer deutlich mehr für Gas zahlen als Industriebetriebe. Durch Wechsel des Lieferanten könnte es nun billiger gehen.
    foto: apa/norbert försterling

    Haushalte und Gewerbebetriebe mussten und müssen im Schnitt noch immer deutlich mehr für Gas zahlen als Industriebetriebe. Durch Wechsel des Lieferanten könnte es nun billiger gehen.

Share if you care.