Auf zum Poledance

21. Februar 2014, 18:25
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Nach Jahren der Krise ist die Stimmung unter den Teilnehmern der Arco-Messe in Madrid (bis 23. 2.) merklich besser, nicht nur der Verkäufe wegen

Wenn's rennt, rennt's. Nach kriselnden Jahren ist die Stimmung auf der 33. Madrider Arco (19. - 23. Februar), Iberiens Fixtermin für Zeitgenössisches, deutlich aufgehellt. Die Kehrtwende ist unter der Führung von Arco-Direktor Carlos Urroz seit 2011 geglückt. Internationalisierung und Fokussierung auf aufstrebende Kunstschaffende zeitigten mit einem budgetären Kunstkniff Wirkung. Mit dem Fünftel des 4,5 Millionen Euro schweren Etats lud man 500 renommierte Sammler ein. Dazu gesellen sich über 100.000 Besucher, die alljährlich hierherströmen.

Zu den Hochpreis-Highlights im Aufgebot der 219 internationalen Galerien aus 23 Staaten zählte Pablo Picassos Stillleben Kompottschüssel, Flasche, Glas (1922), beim Madrider Galeristen-Urgestein Leandro Navarro für 1,2 Millionen Euro. Wie Navarro sagte, war dieses Kleinod (44,5 x 55,6 cm) nicht gleich zum Auftakt verkauft. Jedoch: "Es liegt Spannung in der Luft." Das zweithöchstdotierte Werk war mit 1,05 Millionen Euro Keith Harings Dog (1982) in der New Yorker Galerie Edward Tyler Nahem Fine Arts.

Groteske Äffchenästhetik

Das diesjährige Gastland Finnland präsentierte sich mit 13 Galerien, die sich je einem Künstler widmeten. Ausgewählt von Leevi Haapala (Kiasma-Museum, Helsinki) waren diese teils vor Ort aktiv. So schnitzte Mia Hamari (Forum Box) am Stand bis zu überlebensgroße Marionetten, und Antti Laitinen (Galerie Anhava) legte seine Forest Squares aus Rindenmulch, Tannennadeln, Holzscheiten und allerlei Waldmaterial auf.

Die "Beziehung von Mensch und Tier" durchleuchtete Perrtu Saksa für die Fotoserie A Kind of You (2013, Photographic Gallery Hippolyte, 4600 Euro): "Es sind reale Szenen makabrer Ästhetik", beschreibt er die dokumentarischen Bilder maskierter Äffchen in Kinderkleidern. "Ekelig, grotesk, aber irgendwie schön", meint Saksa. Dafür reiste er nach Indonesien, wo kleine Primaten für das Schauspiel trainiert und verkleidet werden.

Farbbeutel-Attacke

Den obligaten Aufreger, 2012 etwa mit dem eisgekühlten Always Franco, lieferte heuer nicht der Bildhauer Eugenio Merino. Bei ADN (Barcelona) stellte er brave, mit Swarovski-Kristallen besetzte Guy-Fawkes-Masken (à 7000 Euro) aus - Symbol von Protestbewegungen und dem Hackerkollektiv Anonymous. Das Skandälchen war das Werk des Franzosen Yann Leto (T20, Murcia). In Congress topless ließ er im Séparée zwei Profistripperinnen poledancen. Darob unkte die Tageszeitung El Mundo, "die Arco ist nicht mehr das, was sie einmal war", zugleich lamentierend, dass mit 68 Spaniern weniger Lokalmatadoren Präsenz bewiesen.

"Sie ist genau das, was sie einst war", widerspricht Galerist Álvaro Alcázar (Madrid) energisch: internationaler Treffpunkt. Nachsatz: "Wo endlich wieder mehr Freude und Optimismus herrschen", ein Verdienst des amtierenden Arco-Direktors, so Alcázar. An seiner Koje hebt die Farbbeutel-Attacke auf Diego Velázquez' Las Meninas von Lino Lago (Serie Atendados, 2014, 14.000 Euro, exkl. MwSt.) der Besucher Mundwinkel und öffnet, wie er andeutet, vielleicht auch das Portemonnaie einer "saudi-arabischen Sammlerin".

Erfolgreiche Tage, ebenso für die stets in Madrid vertretene Galerie Krinzinger (Wien): mit Verkäufen von Franz Grafs This WILL HAVE been (2013, 18.000 Euro) "an eine sehr gute deutsche Sammlung", gibt Thomas Krinzinger Einblick, oder des jungen, bei gleich fünf Galerien im Programm stehenden, spanischen Malers Secundino Hérnandez (27.500 Euro). Mit der Arco gehe es steil bergauf, wie er attestiert. Sogar die deutsch-spanische "Arco-Mutter" Helga de Alvear gab sich betont gelassener als in den Vorjahren. Hatte sie doch "einen Berg verkauft", darunter zwei großformatige C-Prints von Jane und Louise Wilson (Silence is twice as fast backwards, I und II, 2008) an die Stiftung María Cristina Peterson.

Kollegin Rosemarie Schwarzwälder (Nächst St. Stephan) hatte unter anderem Imi Knobels wandfüllendes Sol Stickan (2009) für 115.000 Euro oder etwa Helmut Federles vergoldeten Gemälde-Blickfang (bis 209.000 Euro) im Gepäck, um den sich stets einige Interessenten scharten. (Jan Marot, Album, DER STANDARD, 22.2.2014)

  • Attentat auf das im Prado verwahrte Velázquez-Gemälde "Las Meninas"? Nein, sondern eine Kreation des spanischen Künstlers Lino Lago (Jg. 1973) aus der Serie "Atentados" (Öl/Leinwand; 14.000 Euro exkl. MwSt.).
    foto: galerie alcázar

    Attentat auf das im Prado verwahrte Velázquez-Gemälde "Las Meninas"? Nein, sondern eine Kreation des spanischen Künstlers Lino Lago (Jg. 1973) aus der Serie "Atentados" (Öl/Leinwand; 14.000 Euro exkl. MwSt.).

  • Ein Beitrag des Gastlandes Finnland: "My Ideology Is As Red As My Ferrari" vom gebürtigen Finnen und in Spanien lebenden Riiko Sakkinen.
    foto: riiko sakkinen

    Ein Beitrag des Gastlandes Finnland: "My Ideology Is As Red As My Ferrari" vom gebürtigen Finnen und in Spanien lebenden Riiko Sakkinen.

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