Von einem, der viele Bücher und Fotos besitzt

21. Februar 2014, 17:44
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Fließende Grenzen zwischen Kunst und Kitsch: Karl Lagerfeld, deutscher Star der internationalen Modewelt, wird vom Folkwang-Museum mit der Ausstellung "Parallele Gegensätze" gewürdigt

Das Essener Folkwang-Museum ist eine in der Welt bekannte Institution. Karl Lagerfeld ist noch weit berühmter. Man könnte meinen, dass die Schnittmenge derer, die sowohl Museum als auch Modeschöpfer kennen, bei fast 100 Prozent liegen müsse. Jetzt hat das Folkwang-Museum eine große Karl-Lagerfeld-Schau eröffnet. Aber irgendwie passen die beiden nicht recht zusammen, das von Karl Ernst Osthaus 1902 gegründete Institut und der exaltierte, 1938 in Hamburg geborene Pferdeschwanzträger, der im ausgehenden Winter übrigens ziemlich präsent ist: Dieser Tage wird in der Hamburger Kunsthalle die Fotoausstellung über Moderne Mythologie eröffnen; im März kommt das Münchner Haus der Kunst mit The Glory of Water hinzu.

Auch im Folkwang machen Fotografien gefühlt zwei Drittel der Exponate aus. Gezeigt werden unter dem Titel Parallele Gegensätze drei Aspekte seiner Arbeit: neben Fotografie noch Buchkunst und Mode. Rechts vom Eintritt findet der Besucher eine Art Apriori - ein Schnitt durch Lagerfelds Arbeitszimmer, hinter dessen schmalem Schreibtisch ein überquellendes Bücherregal aufgebaut ist. Quer durch den Garten ästhetisch orientierter Publizistik geht es da, von Bildbänden aller Art zum frühen Briefwechsel Henry James' und Edith Whartons oder zu Theodore Dreisers Epochenroman An American Tragedy. Der Schreibtisch, so weit kann gefahrlos gedeutet werden, ist angefertigt, um zu stehen und drum herumzulaufen. Dem Begleittext nach gibt es an jedem von Lagerfelds Wohnorten drei solcher Tische, so trenne er Mode und Zeichnungen, am dritten lese er.

Vom Tisch aus folgen wir der Umsetzung dieser Inspirationsquellen: Vermutlich stöbert Lagerfeld durch die Bildbände und entwirft dann Kleider oder Klaviere. Vor allem in das, was früher einmal "Gebrauchsfotografie" genannt wurde, mit der Zeit aber selbst einen Kunstbegriff für sich reklamierte, schreitet Lagerfeld (und mit ihm die Ausstellung) voran: Er nimmt sich Lyonel Feininger, Edward Hopper oder Man Ray vor, lässt Sets aus den Vorlagen bauen, drapiert Models darin. Bei manchen Bildstrecken Lagerfelds hofft man, ein namenloser Bewerber müsse von Auswahlgremien öffentlicher Kunsthochschulen sofort abgelehnt und mit Nachdruck zu einer anderen Berufswahl gedrängt werden. Bildtitel kommentieren die Motive mit Ironie, die oft so flach ist wie die Exponate.

Andere Reihen weisen darauf hin, dass Lagerfeld zwar viele Bücher besitzt, ihnen aber nicht recht auf den Grund geht. Anders wären die Versuche, Goethes Faust zu aktualisieren ("Heute bedeutet Geld, was früher die Sünde war") und sie auch noch mit belanglosen Bildgeschichten zu illustrieren, nicht nachzuvollziehen - Auftritt von Claudia Schiffer als Gretchen. Zu Anselm Feuerbach: Auftritt von Models am Mittelmeer, in Pelzen unter Pinien.

Gebrauchsfotografie

Lagerfeld scheint durch die Wahl seiner Motive, Aufnahmetechniken oder Druckverfahren, den lästigen Geruch der Gebrauchsfotografie abschütteln zu wollen. Manchem silberlegierten Rahmen wurde deshalb zu künstlicher Patina verholfen, Schnappschüsse von New Yorker Hausfronten werden als Siebdrucke groß aufgezogen, der italienische Modehersteller Fendi finanzierte Daguerreotypen mit Details des Trevi-Brunnens.

Natürlich gibt es auch Bildstrecken, die genauer wirken. Wenn er schlicht Models in einen nüchternen Raum stellt, wirken seine Bilder plötzlich stärker als Primärmedien: Sie wollen Oberflächen zeigen. Von Lagerfelds Mode finden sich einige Gegenüberstellungen: Chanel-Kleider und deren Entwürfe im soeben ablaufenden Herbst-/Wintermode-Zyklus. Sie werden mitsamt den Architekturmodellen der Modenschauen-Bühnen im größten Ausstellungsraum gezeigt. Wer sich allerdings bis zu ihnen vorgearbeitet hat, kann einigermaßen erschöpft sein von all dem Manierismus und der Belanglosigkeit zuvor.

Großvater der Kreativen

Natürlich hat Lagerfeld auch eine interessante Sammlung von historischen Werbeplakaten. Der Unterschied zum reichen Zahnarzt ist wohl das Volumen. Warum sie im Museum hängen, bleibt unklar. So wird eher ein Blick auf eine Art Großvater der Kreativen frei: Selbstinszenierung als Startblock, Simulacrum als Arbeitsform, Hedonismus als Milieu. Ein Großteil von Lagerfelds Arbeiten, mindestens aber seine Betätigungsfelder außerhalb der Mode, haben weniger durch Qualität denn durch die Prominenz des Machers Bestand.

Wenn in der Ausstellung die Verbindung Lagerfelds zum Steidl-Verlag die dritte Säule bildet, dann wirft auch das eine Frage auf: Ist das publizistische Engagement mehr als die sicherlich nicht ehrenrührige Querfinanzierung von Gerhard Steidls künstlerisch anspruchsvoller und technisch herausragender Verlagsarbeit? Steidl selbst ließ sich bei der Eröffnung mit tapferer Miene von Fernsehteams durch die Ausstellung dirigieren. Schnittbilder des Verlagsleiters zwischen Modepuppen.

Vor der Tür dann ist die Stadt grau und stellt stumm die Frage, ob die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs oder die der Stadtplanung überwiegen. Ein Mann, die Jeans ölbeschmiert, abgetreten die schweren Arbeitsschuhe, geht dem Feierabend entgegen. Aus der Jackentasche zaubert er eine Flasche Bier. Parallele Gegensätze. (Lennart Laberenz, DER STANDARD, 22.2.2014)

  • "Parallele Gegensätze": Das Folkwang-Museum zeigt bis 11. Mai (Foto-)Kunst, Bücher und Mode von Karl Lagerfeld.
    foto: apa/epa/caroline seidel

    "Parallele Gegensätze": Das Folkwang-Museum zeigt bis 11. Mai (Foto-)Kunst, Bücher und Mode von Karl Lagerfeld.

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