26 Stunden Todesangst im Flüchtlingsboot

Video21. Februar 2014, 18:04
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An Europas Küsten werden immer mehr Menschen abgefangen, Tausende sind bisher ertrunken. Nun schildert Bachar Ksibi, Flüchtling aus Syrien, den Ablauf einer solchen Reise

Homs/Lampedusa/Wien - Sie hockten auf den Holzbohlen des Decks: Männer, Frauen und Kinder aus Syrien und Palästina - Arbeiter ebenso wie Intellektuelle, rund 250 Menschen auf engstem Raum. Auch die Reling war vollbesetzt. Hier hatten sich, für 26 Stunden unter freiem Himmel im herbstlichen Mittelmeer, die jüngeren Männer niedergelassen. Einem von ihnen hatten die Schlepper ein GPS-Handy mitgegeben: als Kontaktmöglichkeit aufs Festland und einzige Navigationshilfe.

Organisierte Verpflegung gab es keine, auch keine Toiletten oder anderen sanitären Anlagen. Den natürlichen Bedürfnissen musste man direkt über die Reling nachkommen. In diesem Fall hatten die Mitpassagiere zur Seite zu rücken. Das taten sie nur unwillig, denn jede Gewichtsverschiebung löste ein heftiges Schaukeln aus.

Dennoch ging es auf dem 18 Meter langen, acht Meter breiten Gefährt erstaunlich ruhig zu: Weil selbst die Kinder in Angst erstarrt gewesen seien, wissend, dass ein Kentern den Tod bedeutet hätte, meint Bachar Ksibi, Kriegsflüchtling aus Syrien.

Der Mann, der in seiner Heimatstadt Homs eine Autovermietung und ein Kleidergeschäft mitbesaß, war am 2. und 3. Oktober 2013 auf dem Flüchtlingsboot mit an Bord, vom libyschen Hafen Zuara zur italienischen Insel Lampedusa. Dort musste das Boot erst stundenlang kreuzen, bevor ein Militärschiff ausfuhr, um alle Passagiere unverletzt an Land zu bringen.

Zur gleichen Zeit war in den Weiten des Mittelmeeres noch ein anderes Boot unterwegs, das mit 545 Somaliern und Eriträern im libyschen Misrata gestartet war. Weil niemand half, als es in Seenot geriet, sank es am 3. Oktober vor Lampedusa. Das kostete rund 390 Menschen das Leben.

Hingenommenes Sterben

Die folgenden Diskussionen über die Ungeheuerlichkeit des seit Jahren hingenommenen Flüchtlingssterbens im Mittelmeer verebbten rasch: Vielleicht, dass die Dokumentation einer trotz Lebensgefahren gelungenen Reise dem Thema wieder gebührende Aufmerksamkeit einräumen kann - hofft Ksibi nun.

Daher hat der 33-Jährige die Fotos, die er auf "seinem" Flüchtlingsboot schoss und die Handyvideos, die er im überfüllten Auffanglager von Lampedusa machte, dem Standard zur Verfügung gestellt: Als Bilddokumente vom derzeit wohl größten europäischen Menschenrechtsskandal; der Abschottung gegen Flüchtlinge mit allen ihren humanitären Folgen.


Qualvolle Enge im Flüchtlingsboot, mit dem Bachar Ksibi am 2. Oktober 2013 das Mittelmeer überquerte. Foto: Ksibi

"In Europa wird viel über die Menschenrechte geredet. Hätten ich und andere Syrer gewusst, wie es diesbezüglich tatsächlich aussieht, hätten wir erst gar nicht versucht, hierher zu kommen", sagt Ksibi. Derzeit wartet er in Wien auf seine Rückschiebung nach Italien: Die österreichischen Asylbehörden wollen ihn laut der EU-weiten Dublin-Verordnung in jenes Land zurückexpedieren, das er vor vier Monaten nur unter Lebensgefahr erreichen konnte.

In jenes Land, wo er 23 Tage im Auffanglager von Lampedusa ausharren musste, das später aufgrund der skandalösen Unterbringungsumstände geschlossen wurde: "Es war kalt, aber in den Häusern des Camps war für uns kein Platz. Wir lebten unter freiem Himmel und mussten uns, um des Nachts nicht zu frieren, in Wärmefolien wickeln und zwischen Schaumgummimatratzen kriechen", schildert Ksibi.

Für die Bootsreise aus Nordafrika hatte er 1500 Dollar (umgerechnet 1095 Euro) bezahlt. In Homs habe er um sein Leben fürchten müssen und in Syriens Nachbarstaaten keinerlei Perspektiven für sich erblickt, erklärt er seine Gründe, sich einem Seelenverkäufer anzuvertrauen. Zwei Monate arbeitete er in der libyschen Hauptstadt Tripolis, um das Geld für die Fahrt zusammenzubekommen: eine stolze Summe, doch laut dem Journalisten und Mitarbeiter der NGO Borderline Europe, Elias Bierdel, als Schleppertarif für Syrer "im Bereich des Üblichen".

"Syrer und Menschen aus anderen arabischen Staaten gelten nach wie vor als relativ wohlhabend", erklärt Bierdel. Für die Reiseorganisatoren ist das Geschäft mit der Not dadurch sehr lukrativ: Mal 250 multipliziert, kann ein Boot mit vielen Passagieren rund 273.750 Euro einbringen.

Freund ertrank

Zusammen mit einem Freund reiste Ksibi nach Zuara weiter. Am Abend der Einschiffung verlor er im Hafengelände den Kontakt zu ihm. Der Freund werde mit dem nächsten Transport reisen, hieß es. Doch dieser kam niemals in Lampedusa an: Mit rund 300 Menschen an Bord sei auch dieses Boot auf hoher See gesunken, erzählt Ksibi. Darüber, was geschehen wäre, wenn er inmitten des Meeres in Seenot geraten wäre, macht sich der Mann aus Homs keine Illusionen: "Ich wäre tot, so wie er."

Denn zwar hatte Ksibi noch genug Geld, um bei den Schleppern um weitere 50 Euro (39 Euro) eine Schwimmweste zu erstehen. Die meisten anderen an Bord aber waren ohne diesen Schutz. "Im Fall des Sinkens findet in solchen Fällen ein Überlebenskampf um die Westen statt. Nur die körperlich Stärksten kommen durch", schildert Bierdel.

Mit solch unbrauchbarer Ausrüstung und durch systematische Überfüllung der Flüchtlingsboote würden die Schlepper den Tod Vieler in Kauf nehmen, sagt Bierdel. Doch das täten im Grunde auch Europas Staaten, deren Bürger und die EU: Durch Aufrechterhaltung der Abschottungspolitik ließen sie derlei Tragödien zu - für den Journalisten der Kern des Skandals: "Wir müssen eingestehen, dass diese Politik gescheitert ist. Solange das nicht geschieht, wird immer nur mehr Leid produziert", sagt er. (Irene Brickner, DER STANDARD, 22.2.2014)

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