Enge Duden

Kolumne21. Februar 2014, 17:40
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Manches Mal wird es eng und enger

Wenn es eng und enger wird, dann geht sich ein Nachdenken über das eigene Tun einfach nicht aus. Da handelt man, ohne das, was man am oberen Ende des Halses trägt, entsprechend in Betrieb genommen zu haben. Wenn Personen, die einem situationsbedingt ausgeliefert sind, damit ein Problem entwickeln, ist es auch egal. Man bekommt das aufgrund oben erwähnter Zustände vermutlich nicht mit.

Oder man wollte es tatsächlich so. So kann es durchaus passieren, dass ein Kind dunkler Hautfarbe und mit Legasthenieproblem von der Lehrkraft einen Kaszettel als Übung vorgelegt bekommt, auf dem man nach penibler Suche zwischen dem "ENGER" und dem "REGEN" jeden in bestimmter Kombi vorkommenden "NEGER" durchzustreichen hat. Vor einigen Tagen in einer Wiener Schule geschehen. Damit hat der Lehrkörper gleich zwei Fettnäpfe mit einem Fuß betreten, was an sich schon ein Kunststück ist und für die Akrobatik erwähnenswert wäre.

Erst die Erniedrigung, dann die Eliminierung. Vielleicht kriegt es diese Lehrkraft auch hin, das nächste Mal noch "Zigeuner", "Schlitzauge", "Jud" oder "Tschusch" unter die Schülerschaft zu bringen und gleich mehrere Betroffene daran werken zu lassen. Das tapfere Schneiderlein hat ja auch siebene auf einen Streich! Als ob es in der deutschen Sprache - die ein weites Land ist - keine anderen Begriffe gäbe, mit denen man hätte arbeiten können!

Offenbar stößt diese Lehrkraft - vermutlich für Deutsch zuständig - sehr schnell an die Grenzen der eigenen Sprachfähigkeit. Falls weder die Bedeutung des Wortes noch die Wirkung auf das zu unterrichtende Gegenüber auffallen. Ein Vorschlaghammerfingerspitzengefühl. Unsere Sprachverantwortung ist auf mancher Ebene immer noch nicht vorhanden. Jeder weiß, dass man zu Mitbürgern nicht "Tschusch" sagen kann.

Wer es doch tut, positioniert sich in einer eindeutigen Ecke. Man stelle sich vor, ein jüdisches Kind wäre in der Schule angehalten worden, eine Übung mit dem Wort "JUD" durchzuführen, bei der es diesen "JUD" unwidersprochen suchen und durchstreichen sollte. Das kommt vielen zu Recht unerträglich vor. Handelt es sich aber um ein Kind mit dunkler Hautfarbe, klingt diese Übung mit dem "Neger" für manche noch nicht unerträglich. "Jo mei", sagen diese Nichtbetroffenen. "Ist ja nicht so schlimm. Ich wäre nicht beleidigt, wenn ich dunkelhäutig wäre und jemand Neger zu mir sagen würde."

Das ist zwar löblich im Sinne der freiwilligen folgenlosen Selbsterniedrigung, ändert aber nichts am Problem derer, die nicht so genannt werden wollen und das als diskriminierend empfinden. Und deren Empfindung ist es, von der man alles Weitere abhängig machen sollte. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 22./23.2.2014)

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