Wulff-Film: "Weder Täter noch Opfer"

Interview21. Februar 2014, 17:10
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Nico Hofmann, Produzent von "Der Rücktritt", erklärt, warum er zwar Respekt vor, aber kein Mitleid mit dem deutschen Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff hat - Sat.1 zeigt das "Doku-Drama" am Dienstag um 20.15 Uhr

STANDARD: Zuerst Karl-Theodor zu Guttenberg, jetzt Christian Wulff: Haben Sie ein Faible für gefallene Politiker?

Hofmann: Nein, das habe ich nicht. Mich interessiert grundsätzlich die moralische Diskussion, die der Fall Wulff  in Deutschland ausgelöst hat. Das sind drei Ebenen: nämlich die politische Moral, die in dem Stoff steckt, die Medienmoral, aber auch die ganz persönliche, die zum Ende des Verfahrens noch einmal eine große Rolle spielen wird. Damit beschäftigt sich der Film.

STANDARD: Hatten Sie damals Mitleid mit Wulff, als es zum Rücktritt kam?

Hofmann: Nein, Mitleid ist keine Kategorie, die Christian Wulff für sich in Anspruch nehmen würde. Ich konnte mitfühlen, genauso wie elf Millionen Zuseher, die diese berühmte Talk-Runde mit Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten sahen. Man hatte ein großes Mitempfinden. Für einen Filmproduzenten waren viele Momente dabei, die sich durchaus verdichten ließen. Spätestens beim Rücktritt war klar, dass es eine filmische Fallhöhe gibt, die man darstellen kann.

STANDARD: Sie rekonstruieren die letzten 68 Tage, die Wulff als Bundespräsident verbracht hat. Wie haben Sie recherchiert?

Hofmann: Grundlage war das Buch der "Bild"-Journalisten Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch, sie brachten den Fall mit der Berichterstattung über den Privatkredit erst ins Rollen. Wir haben die Rechte erworben, Heidemanns hat uns über Wochen beim Drehbuch unterstützt. "Spiegel"-Journalist Jan Fleischhauer hat parallel mit Thomas Schadt, dem Drehbuchautor und Regisseur, recherchiert. Wir hatten ein sehr ungewöhnliches Team für das Drehbuch.

STANDARD: Warum das Genre "Doku-Drama"?

Hofmann: Es sind ja fast schon ikonografische Bilder, die von Christian und Bettina Wulff existieren, das ist praktisch schon im kollektiven Gedächtnis verankert, etwa der Moment des Rücktritts. Diese Bilder wollte ich mit den Hintergrundinformationen spiegeln, die wir recherchiert haben. Diese Wechselwirkung hätte ich nicht anders darstellen können.

STANDARD: Bei der Rekonstruktion der 68 Tage mischen sich reale mit fiktionalen Elementen. Ist es letztendlich nur Ihre Interpretation, was sich hinter den Kulissen abgespielt hat?

Hofmann: Der Film ist eine eigene Kunstform geworden. Ich habe selten eine Produktion gemacht, die so präzise recherchiert war, begleitet von Juristen. Es ergibt sich eine eigene Wirklichkeit, die die Ambivalenzen aller Beteiligten darstellt und nicht verurteilt. Weil es kein Bashing gibt, ermöglicht der Film einen freien, offenen Blick auf das Ganze.

STANDARD: Sie sprechen von Ambivalenz: Ist Christian Wulff für Sie Täter und Opfer?

Hofmann: Weder Täter noch Opfer - diese Kategorien macht der Film gar nicht auf. Es geht um Verantwortung. Wer trägt sie in diesen 68 Tagen? Und wer trägt Verantwortung für eine völlig aus dem Ruder gelaufene Gesamtkommunikation?

STANDARD: Wulff hat es abgelehnt, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Warum?

Hofmann: Wir haben auch Bettina Wulff gefragt. Das ist ein Gebot der journalistischen Sorgfaltspflicht. Ich verstehe, dass Christian Wulff nicht zu einem Gespräch bereit war, allein schon aufgrund des laufenden Verfahrens. Das ist zu respektieren.

STANDARD: Haben Sie Angst vor Klagen? Aufgrund von Worten, die Sie Wulff in den Mund legen?

Hofmann: Nein, denn soweit es erforderlich ist, gibt es Quellen, die die Handlung belegen: Das Buch von Heidemanns und Harbusch ist seit Monaten auf dem Markt – ohne juristisches Nachspiel; hinzu kommen unsere weiteren Recherchen. Zum Privatbereich: Bettina Wulff hat unglaublich viele Interviews gegeben, als ihr Buch herauskam. Das kann man nachlesen.

STANDARD: Ihr Film wird auch als Abrechnung mit der Hysterie von Medien gesehen. Haben einige übers Ziel hinausgeschossen, als sie Wulff absägen wollten?

Hofmann: Die Grundrecherche der "Bild"-Journalisten war vollkommen korrekt, sie haben dafür den Henri-Nannen-Preis bekommen, ich meine zu Recht. Ich unterscheide sehr zwischen der Genauigkeit der Recherche und einem medialen Schneeballsystem, das durch die Recherche ausgelöst wurde.

STANDARD: Wurde es ausgeschlachtet?

Hofmann: Ich bin der Meinung, dass etwas nur dann einen Schneeballeffekt bekommt, wenn es in der Recherche selbst begründet ist. Und viele weitere Ungereimtheiten sind ans Tageslicht gekommen. Von Christian Wulffs Seite wäre die Gesamtentwicklung mit einer anderen Offenheit vielleicht zu stoppen gewesen, aber so sind Dinge unkontrollierbar geworden. Es gab in diesen Tagen viele Momente, die ich auch aufseiten der Journalisten nachvollziehen kann, ich kann aber auch bei Christian Wulff nachvollziehen, dass der Rücktritt unter dem damaligen moralischen Drucksystem  irgendwann folgerichtig war.

STANDARD: Die Quoten spielen ja keine unwesentliche Rolle. Haben Sie für sich ein Ziel definiert?

Hofmann: Es kommt immer auf den Sender an. Ich hoffe, dass er deutlich über dem Schnitt von Sat.1 liegt und dass es gelingt, Stammpublikum auch in anderen Kanälen zu begeistern. Bei Guttenberg hat dies funktioniert, es waren über vier Millionen Zuseher und ein Markanteil von 18 Prozent. Kämen wir in solche Höhen, wäre ich glücklich.

STANDARD: Das Urteil im Fall Wulff steht kurz bevor. Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie das Ende des Prozesses?

Hofmann: Zunächst habe ich einen Riesenrespekt davor, dass er um seine Ehre kämpft, und Respekt vor dieser Vehemenz, mit der er den Freispruch will. Das verdient Hochachtung.

STANDARD: Würden Sie sich über einen Freispruch freuen?

Hofmann: Ich bin der Meinung, dass ein Freispruch bei der augenblicklichen Beweislage geradezu zwingend ist, ja.

STANDARD: Nach der Kriegstrilogie "Unsere Mütter, unsere Väter" hat es zum Teil heftige Kritik gegeben. Ihnen wurde vorgeworfen, Deutsche als Opfer zu inszenieren. Erwarten Sie auch dieses Mal kritische Reaktionen nach der Ausstrahlung des Films?

Hofmann: Mit solchen Programmen löst man immer eine Kontroverse aus, es gab ja bereits viel Berichterstattung zu "Der Rücktritt". In Deutschland wird nächste Woche, auch zum Ende des Prozesses, eine gesamtmoralische Betrachtung kommen, und der Film wird sicher ein Bestandteil der Diskussion werden.

STANDARD: Wie gehen Sie mit Kritik um?

Hofmann: Ich bin sehr offen, weil mich Kritik grundsätzlich interessiert. Die Diskussionen über "Unsere Mütter, unsere Väter" in den USA oder in Polen waren für mich hochinteressant. Jedes Land reagiert anders. Eine so starke Auslandsbetrachtung ist ein Privileg und bringt mich darin weiter, wie ich Geschichte betrachte und mir ihr umgehe.

STANDARD: Mit dieser Kritik vor Augen: Würden Sie "Unsere Mütter, unsere Väter" jetzt anders drehen?

Hofmann: Überhaupt nicht, nein. Ich stehe zu dem Film genau so, wie wir ihn gemacht haben. Wir haben uns fünfeinhalb Jahre damit beschäftigt, führende deutsche Historiker haben uns beraten. Ich wäre ein schlechter Produzent, wenn ich zu dem Ergebnis käme, dass diese Beratung falsch war. Das gilt im Übrigen auch für den Wulff-Film, hier stecken eineinhalb Jahre harte Arbeit drin. (Oliver Mark, DER STANDARD, Langfassung, 22./23.2.2014)

Nico Hofmann ist Produzent und Regisseur. Als Chef der UFA Fiction produzierte er zahlreiche Filme wie die Guttenberg-Satire "Der Minister", "Rommel" und "Unsere Mütter, unsere Väter".

  • Kai Wiesinger und Anja Kling spielen in "Der Rücktritt" Christian und Bettina Wulff. Sat.1 zeigt das Doku-Drama am Dienstag um 20.15 Uhr. Rekonstruiert werden die 68 Tage vor dem Rücktritt des deutschen Bundespräsidenten.
    foto: sat 1/stefan erhard

    Kai Wiesinger und Anja Kling spielen in "Der Rücktritt" Christian und Bettina Wulff. Sat.1 zeigt das Doku-Drama am Dienstag um 20.15 Uhr. Rekonstruiert werden die 68 Tage vor dem Rücktritt des deutschen Bundespräsidenten.

  • Nico Hofmann, Leiter der UFA Fiction und Produzent von "Der Rücktritt".
    foto: apa/epa

    Nico Hofmann, Leiter der UFA Fiction und Produzent von "Der Rücktritt".

  • Als deutscher Bundespräsident trat Christian Wulff am 17. Februar 2012 zurück. Der Korruptionsprozess gegen Wulff geht in den nächsten Tagen zu Ende.
    foto: ap/stratenschulte

    Als deutscher Bundespräsident trat Christian Wulff am 17. Februar 2012 zurück. Der Korruptionsprozess gegen Wulff geht in den nächsten Tagen zu Ende.

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